


Es war eines der kürzesten Solo-Recitals in der Geschichte der Ludwigsburger Schlossfestspiele, doch gewiss nicht eines der bedeutungslosen. Der israelische Cellist Amit Peled spannte den Bogen von Johann Sebastian Bachs erster Suite für Violoncello zu gewichtigen Solowerken von Benjamin Britten und György Ligeti und erläuterte diese in der Art eines Gesprächskonzerts. Nach genau 55 Minuten wartete er auf Fragen seiner Zuhörer im Ordenssaal. Es gab keine, Peled bedankte sich – „Thank you for coming!“ – und ging von der Bühne.
In Bachs G-Dur-Suite hielt der Cellist die Balance zwischen struktureller Klarheit und subjektiver Deutung. Das einleitende Prélude gliederte er durch Rubato-Akzente, in den alten Tanzsätzen der Allemande und Courante ließ er die Musik atmen und strömen und reihte die Töne wie auf einer nie abreißenden Perlenschnur. Dynamik, Energie und klangliche Differenzierung prägten die mehrstimmige Sarabande, während in den beiden Menuetts ein herber, aufgerauter Ton dominierte und die Gigue unter stürmischen Überdruck geriet.
Das klang wie ein Vorgriff auf Benjamin Brittens 3. Solosuite aus dem Jahr 1971. Wie seine beiden früheren Werke für Violoncello solo hat Britten sie dem russischen Cellisten Mstislaw Rostropowitsch gewidmet, der sie auch jeweils beim Aldeburgh Festival uraufführte. Amit Peled sieht dieses Werk auch unter dem Eindruck der politischen Repression in der Sowjetunion während der Breschnew-Ära. Rostropowitsch war wegen seiner Freundschaft mit Schostakowitsch offiziell geächtet und stand auch durch sein Eintreten für den Schriftsteller Alexander Solschenizyn („Archipel Gulag“) und andere Dissidenten unter Druck. Als Benjamin Britten seine im Februar 1971 innerhalb von neun Tagen vollendete Partitur zu Rostropowitsch nach Moskau brachte, waren die darin angespielten biografischen und gesellschaftlichen Reflexe klar. Das „Lento“ der Introduktion beginnt mit explosionsartigen Pizzicato-Schlägen, denen eine Elegie im Stil von Schostakowitschs langsamen sinfonischen Einleitungssätzen folgt. Den seinem Cello aufgesetzten Stimmdämpfer erklärt Peled zum Symbol für die Einschüchterung durch die Macht: Die Niederschlagung der Freiheitsbewegung des Prager Frühlings durch die Sowjetpanzer war gerade drei Jahre her. Mit wilder, greller Theatralik zieht der „Marsch“ vorüber, dem ein herzbewegender „Canto“ entgegentritt, in den Britten ein Zitat aus Bachs Cellosuite einkomponiert und variiert.
Eine Fülle verschiedenster Emotionen tritt in den Folgesätzen in einen spannungsvollen Dialog. Ein solcher „Dialogo“ steht auch im Zentrum des neunsätzigen Werks, das in seinen letzten Teilen russische Volkslieder anklingen lässt. Von Amit Peled erlebten die gebannten Zuhörer im Ordenssaal eine leidenschaftlich inspirierte, zutiefst persönliche Wiedergabe.
Der Cellist, dem von manchen Kritikern schon das „Flair des jungen Rostropowitsch“ bescheinigt worden ist, beendete sein Konzert mit György Ligetis Sonate für Violoncello solo: auch dieses Neunminutenwerk ein Stück mit biografischen Assoziationen. 1948 hat der 25-jährige Ligeti eine leidenschaftliche Liebesaffäre in einem „Dialogo“ verarbeitet, den Peled in seinen Stadien von Annäherung, Verführung und Entfremdung musikalisch anschaulich erläuterte. Fünf Jahre später traf Ligeti seine Verflossene wieder und packte seine Wut in ein wildes Presto-„Capriccio“: So großartig virtuos, wie Peled das vortrug, und so empfindsam, wie er die Glissando-Erinnerung an das einstige katzenschnurrende Liebesglück in Flageoletthöhen schweben ließ, war das ein effektvoller Schlusspunkt. Oder doch nicht ganz: Vom enthusiastischen Beifall ließ Amit Peled sich noch erweichen und wiederholte das Bach-„Prélude“. Dann schlug die Schlossuhr neune.






