


„Es war mir ein Bedürfnis mich musikalisch auszurasen, wie wenn ich eine Symphonie geschrieben hätte“, äußert sich Richard Wagner zwanzig Jahre nach der Komposition von „Tristan und Isolde“ gegenüber seiner Gattin Cosima; zehn Jahre vorher notiert sie in ihrem Tagebuch dessen Bemerkung, es komme ihm vor, als habe er sich in den ganzen Farbentopf hineingeworfen und sei nun triefend herausgekommen. Für den Mittelakt der Oper, wo sich alles ganz auf die innere Handlung zwischen den beiden Liebes- und Todessüchtigen konzentriert, gilt das für das Orchester in ganz besonderem Maße, und das Vorspiel zum 1. Akt und Isoldes „Liebestod“ im Schlussakt sind wie Prolog und Epilog zu dieser erotisch ekstatischen musikalischen Raserei.
Das Schlusskonzert der diesjährigen Ludwigsburger Schlossfestspiele war in diesem Sinne ein hoch interessantes Konzentrat von Richard Wagners 1865 in München uraufgeführter Oper „Tristan und Isolde“. Auf der Bühne des Forums musizierte das Festspielorchester mit dem von seinem Chefdirigenten Michael Hofstetter formulierten Anspruch, Wagners Partitur nach fast 150 Jahren wieder im Originalklang hörbar zu machen. Zu welch exzessiven und atemberaubenden Klangräuschen dieses Orchester fähig war, sollte sich im Verlauf der pausenlosen eineinhalb Stunden des Konzerts eindrucksvoll erweisen.
Der dreifache, harmonisch diffizile Tristan-Akkkord am Beginn des Vorspiels ließ das noch nicht unbedingt vermuten. Von den sechs Celli beim ersten Mal mit zarter Intensität, dann eher unsicher intoniert, von den Holzbläsern grell beantwortet, hörte man hier noch die Grenzen eines nicht völlig aufeinander eingespielten Klangkörpers. Doch mit der Entfaltung des Sehnsuchtsmotivs, welches sich von den darmbesaiteten Streichern bis zu den Hörnern, Posaunen, Trompeten, Basstuba und Pauken in immer stärkeren und gewaltigeren Emotionen steigerte, kamen auch Homogenität und Ausdrucksfülle ins Spiel.
Mit einem orchestralen Jubelschrei beginnt der Nachtakt mit Tristan und Isolde. Sich entfernendes Jagdgetön aus dem Off, Furcht und Warnungen von Brangäne, der Dienerin Isoldes, die auf das Erscheinen ihres heimlichen Geliebten Tristan sehnsüchtig wartet. Clémentine Margaine artikuliert die Befürchtungen Brangänes dramatisch erregt, formuliert die Angst vor der Entdeckung der Liebenden hervorragend textverständlich und mit klar geführtem, fast vibratolosem Mezzosopran. Wie bei Wagner üblich, wird noch einmal die Vorgeschichte aufgearbeitet: Brangänes Tausch des Todes- gegen den Liebestrank vor der Ankunft bei König Marke in Cornwall, für Isolde jedoch schicksalbestimmend durch die Göttin der Liebe: „Wie sie es wendet / wie sie es endet / was sie mir küre / wohin mich führe / ihr ward ich zu eigen“.
Schon hier kann Christiane Libor, die Sängerin der Isolde, zeigen, dass sie sich mit voluminösen Spitzentönen auch gegenüber dem stärksten Fortissimo des ganzen Orchesters durchsetzen kann. Weniger überwältigend sind ihre kantablen Linien, oft lässt sie die Einzeltöne gewaltig aufblühen, stark vibrierend vor allem in den Höhen.
Herbert Lipperts Tristan ist zwar mit scharfem Stimmansatz heldisch tenoral fokussiert, doch in den Registerwechseln unausgeglichen. Die beiden Sänger harmonieren am besten in den Mittellagen, und so wird der von Brangänes „Habet-acht“-Rufen wunderbar umrahmte Liebesakt zum zentralen musikalischen Ereignis. Das wurde von Hofstetter mit dem Festspielorchester in glühender Intensität und bravouröser Farbigkeit zelebriert. Richard Wagners Orchestermelodie, welche alle seelischen Regungen Tristans und Isoldes zu höchster Ekstase steigert, war in grandioser Klangfülle musiziert. Markes enttäuschte Anklage, vom leicht indisponierten Alfred Reiter großartig gesungen, wurde mit herben Holzbläserfarben klanglich delikat grundiert, Florian Voss als Melot hatte für seine spitzzüngige Aggressivität die prägnanten Akzente.
Auch im finalen „Liebestod“ war es das Orchester, welches zur ersehnten Vereinigung Isoldes mit dem ihr voraus gestorbenen Tristan die ekstatischen Bögen spannte, vom chromatisch aufsteigenden Beginn über die immer höher steigenden Gefühlswogen bis zum jenseitig tönenden Schall: „Ertrinken, versinken – unbewusst – höchste Lust.“






