Organspende
LUDWIGSBURG | 18. August 2012

„Diese Entscheidung überfordert viele“

Nach dem Skandal in Göttingen wird das Thema Organspende in Politik und Gesellschaft kontrovers diskutiert. Zwar gibt es am Ludwigsburger Klinikum kein Transplantationszentrum. Trotzdem ist das hiesige Krankenhaus am System beteiligt: Das Klinikum liefert Niere, Leber und Co.

Transportbox für eine Niere bei einer Nierentransplantation im Klinikum Bremen. In Ludwigsburg werden Organe ausschließlich entnommen, aber nicht vor Ort verpflanzt.
Transportbox für eine Niere bei einer Nierentransplantation im Klinikum Bremen. In Ludwigsburg werden Organe ausschließlich entnommen, aber nicht vor Ort verpflanzt.
Archivfoto: epd

Die Zustimmung zur Organspende ist hoch: Umfragen zufolge stehen etwa zwei Drittel der Deutschen einer Spende positiv gegenüber. Einen Organspendeausweis, der diese Bereitschaft offiziell dokumentiert, hat jedoch nur jeder fünfte Bundesbürger. Und die Wirklichkeit sieht noch einmal ganz anders aus: In Deutschland kommen auf eine Million Einwohner nur knapp 15 Spender.

„Diese Entscheidung über eine Organspende überfordert viele Angehörige“, sagt Dr. Uwe Plum. Er ist Oberarzt auf der Intensivstation und Transplantationsbeauftragter des Ludwigsburger Klinikums. Aus Sicht der Transplantationsmedizin ist das Ludwigsburger Klinikum eine Stufe B Klinik. Das Haus ist zwar keine Uniklinik mit angeschlossenem Transplantationszentrum. Weil das Krankenhaus aber über eine Neurologische Abteilung und eine Intensivstation verfügt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass potenzielle Organspender auftreten hoch.

Auf der Intensivstation gibt es jährlich etwa 1700 Patienten, davon sterben etwa 200. „Nur ein kleiner Teil dieser Todesfälle ist hirntot und damit potenzieller Organspender“, so Plum. Von den rund 400 000 Menschen, die im Jahr in den deutschen Kliniken sterben, tritt bei nur einem Prozent der Hirntod vor dem Herzstillstand ein, so die offiziellen Zahlen. Das Herz schlägt noch, aber die Hirnfunktionen sind beendet.

„Die Angehörigen befinden sich in einer absoluten Ausnahmesituation“, das hat Uwe Plum oft miterlebt. In dieser emotionalen Grenzsituation müssen die Mediziner dann die Familien fragen, ob sie einer Organspende zustimmen. Erspart bleibt ihnen die Überlegung nur, wenn bereits eine Einwilligung des Betroffenen in Form eines Organspendeausweises vorliegt. Wenn die Betroffenen den Wunsch haben, werden sie jederzeit von der Klinikseelsorge betreut. „Alles ist umso schwerer, wenn es sich bei dem Patienten um ein Unfallopfer handelt.“ Dann nämlich ist die Familie ganz unerwartet mit der Situation konfrontiert. Stimmt die Familie des Patienten der Spende zu, muss alles ganz schnell gehen. „Wir melden das an die Stiftung Deutsche Organspende (DSO)“, so der Mediziner. Die Ludwigsburger liefern Daten über die Funktion einzelner Organe an die DSO, die dann ein Team aus Transplantationschirurgen zur Organentnahme nach Ludwigsburg schickt. Die Zahlen der Organentnahme in Ludwigsburg sind indes überschaubar: 2010 waren es acht Organspender am Ludwigsburger Klinikum, 2011 waren es fünf. In diesem Jahr waren es bisher drei. Plum weiß: „Es gibt Einzelfälle, da hadern die Angehörigen mit der Entscheidung.“ Auch wenn sie mit ihrem Entschluss, die Organe eines Angehörigen freizugeben, anderen Menschen geholfen haben, überkommt sie doch das Gefühl, damit Schuld auf sich geladen zu haben. Er befürwortet daher den Beschluss des Bundestags, dass die Krankenkassen künftig den Versicherten Informationen und einen Organspendeausweis zum Ausfüllen zusenden. „Es hilft, wenn innerhalb der Familie über solche Themen schon mal gesprochen wurden“, sagt Plum. Die Abfrage der Versicherung könnte ein guter Anlass dafür sein. Der Göttinger Organspendeskandal wird sich auch im Klinikum bemerkbar machen, ist sich Plum sicher: „Die Skepsis wird zunehmen.“

Stephanie Bajorat
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