
„Ich spiele weiter, das ist ein Kick“

Mit den persönlichen Problemen begann das Spielen. „Ich dachte, das hilft mir weiter“, sagt der 24-Jährige, „aber das hat es nicht getan.“ Den Glücksspielvirus aber hatte sich der junge Mann trotzdem eingefangen: „Jetzt sind die Probleme weg, aber ich spiele weiter. Es ist wie ein Kick.“
Der Techniker verdient 2000 Euro netto im Monat. Diesen Betrag verzockt er laut eigenen Angaben fast jeden Monat in einer Spielhalle beim Marstall-Center, manchmal verliert er diese 2000 Euro innerhalb eines Tages. Eigentlich wäre dem 24-Jährigen lieber, wenn die Spielhallen schließen würden: „Dann würde ich nicht mehr spielen.“ Kürzlich habe er in zwei Wochen 7000 Euro gewonnen, erzählt der Ludwigsburger, der an einem sonnigen Mittag in den dunklen Räumen der Spielhalle sitzt. Die 7000 Euro habe er dann an fünf Tagen wieder verspielt.
„Deutlich zu viel“ Spielhallen gibt es in Ludwigsburg – dieser Ansicht ist ein 35-Jähriger. Er sei an Automaten in Gaststätten ins Glücksspiel eingestiegen, erzählt der Besucher einer anderen Spielhalle in der Innenstadt: „Mit 20, 30 Cent pro Spiel ging es los.“ Mittlerweile geht der 35-Jährige zwei- bis dreimal pro Woche zum Spielen: „Das ist Ablenkung und Abschalten vom Stress“, sagt der leitende Angestellte.
Gleichwohl, gibt er zu, verursache das Spielen noch mehr Stress, weil unterm Strich deutlich mehr Verlust als Gewinn steht. Wie viel Geld er in den vergangenen Jahren in etwa verloren habe? „Das will ich gar nicht wissen.“ Der Ludwigsburger hat sich ein Verlustlimit von 200 Euro pro Abend gesetzt, „viele andere haben kein Limit“. Auch Hartz-IV-Empfänger kämen zum Zocken in die Spielhalle: „Zu Monatsbeginn ist es hier immer voll, weil die Hartz-IV-Empfänger am Monatsende ihr Geld bekommen haben und damit dann zocken.“
Nun droht einigen Spielhallen in Ludwigsburg das Aus. Im Herbst diskutiert der Landtag nämlich den Entwurf des neuen Landesglücksspielgesetzes, das Spielsucht und den Wildwuchs von Spielhallen bekämpfen soll. Wird das Gesetz beschlossen, dann müssen Spielhallen mindestens 500 Meter nicht nur von Kinder- und Jugendeinrichtungen, sondern auch untereinander entfernt sein. Die Folge: In Ludwigsburg, vor allem rund um das Marstall-Center, müssten Spielhallen nach einer Übergangsfrist schließen, weil sie laut neuer Regelung zu nah aufeinander sind.
Die Stadt stünde dann vor dem Problem entscheiden zu müssen, welche Spielhalle schließen muss. Ihm sei noch nicht klar, wie dann vorzugehen sei, sagt Martin Kurt, Leiter des städtischen Fachbereichs Stadtplanung und Vermessung. Die Mitarbeiterin einer Spielhalle am Marstall-Center fragt sich, „wie das gehen soll: Nach welchen Kriterien entscheidet die Stadt, wer seine Existenz aufgeben muss?“
Trotz der vielen Spielhallen in der Innenstadt – der CDU-Landtagsabgeordnete und Ludwigsburger Gemeinderat Klaus Herrmann bezeichnet das städtische Spiel- und Vergnügungshallenkonzept als „vorbildhaft für das Land“. Die Mitglieder des Arbeitskreises „Finanzen und Wirtschaft“ der CDU-Landtagsfraktion haben sich jetzt, vor der Entscheidung über ein neues Landesglücksspielgesetz, vor Ort über dieses Konzept informiert.
Herrmann sagt, „dass wir Spielhallen nicht verbieten können oder wollen, aber ihr unkontrolliertes Wachstum verhindern können“. Das ist der Stadt gelungen: Zu der großen Zahl an Spielhallen, die es in der Innenstadt gibt, sind seit 2009 keine neuen dazugekommen. 2008 hatte es viele Anträge gegeben, Spielhallen im und am Marstall-Center zu eröffnen. Die Stadt schob diesem Ansinnen durch Veränderungssperren einen Riegel vor. „Wenn wir nicht reagiert hätten, wäre das Marstall-Center voll von Spielhallen“, sagt Kurt.
Dann fasste der Gemeinderat 2009 einen Grundsatzbeschluss. Demnach sind Spielhallen in der Ludwigsburger Innenstadt ausnahmsweise zulässig. Diese Ausnahme wird nur erteilt, wenn zwei Kriterien erfüllt sind: Spielhallen müssen, wenn sie sich in der City neu ansiedeln wollen, mindestens 250 Meter von einer anderen Halle entfernt liegen. Und sie dürfen nicht in einem Erdgeschoss liegen, das Einzelhandelsgeschäften vorbehalten sein soll. „Seit diesem Beschluss gab es keine Anträge mehr auf einen neuen Spielhallen-Standort in der Innenstadt“, sagt Kurt.
Die 18 Spielhallen in der Stadt konzen- trieren sich in der Innenstadt und im Gewerbegebiet Nord am Tammerfeld. Das war bereits im Jahr 2008 so, so ist es noch heute, so soll es bleiben. Denn in Gewerbegebieten würde zwar Platz für Spielhallen sein, doch seien sie nachteilig für Unternehmen und könnten diese verdrängen, sagt Kurt: „Wir halten die Gewerbegebiete für das produzierende Gewerbe frei.“ Ausnahme ist das Gewerbegebiet Nord: „Dort ist das Maß erreicht“, sagt Kurt.
Die Spielhallen auf dem Tammerfeld haben ebenso Bestandsschutz wie die Spielhallen in der Innenstadt. Dieser Bestandsschutz würde nicht mehr gelten, wenn das geplante Gesetz verabschiedet würde. Die Chancen dafür stünden gut, wie die CDU-Abgeordneten bei ihrem Rundgang durch die Ludwigsburger Spielhallen verlauten ließen. Das Gesetz sieht auch vor, dass Spielhallen nachts schließen, die Besucher am Einlass kontrollieren und ein Sozialkonzept vorlegen müssen.
Die Mitarbeiter einer Spielhalle in der Seestraße beispielsweise werden geschult. Das Mindesteintrittsalter liegt bei 21 Jahren, am Eingang liegen Flyer aus, in denen auf Hilfsangebote für Spielsüchtige verwiesen wird. „Problematisch sind vor allem die Automaten in Döner-Läden und Pizzerien, dort spielen viele junge Leute unter 21 Jahren“, sagt eine Mitarbeiterin.
Der leitende Angestellte wirft in dieser Spielhalle eine neue Münze ein, der Techniker in der anderen Halle bestellt beim Zocken ein Spezi. Sie könnten mit dem Spielen pausieren, versichern beide. Trotzdem kommen sie immer wieder in die Spielhalle. „Aber es macht keinen finanziellen Sinn“, gesteht sich der 35-Jährige ein. Der 24-Jährige sagt: „Wenn ich nächstes Jahr heirate, dann höre ich mit dem Spielen auf.“