29.09.2012

„Unsere Mission ist jetzt erfüllt“

Endspurt vor dem Bürgervotum: Etwa 150 Neckarweihinger haben am Donnerstagabend an der Informationsveranstaltung in der Gemeindehalle teilgenommen. Stadtverwaltung, Einzelhandelsexperten und Verkehrsgutachter stellten sich den Fragen der Bürger – von denen einige ihrem Ärger über den Kombistandort Luft machten.

Mathias Weißer (Leiter des Hochbauamts) erläuterte in der Gemeindehalle zwei Varianten: Generalsanierung sowie Abriss und Neubau der Friedrich-von-Keller-Schule.

Kombistandort aus Schule und Supermarkt in der Schwarzwaldstraße oder doch Neubaugebiet Neckarterrasse? Die Bürger haben die Wahl, das war Oberbürgermeister Werner Spec wichtig, wie er beim Infoabend betonte: „Unsere Mission ist jetzt erfüllt.“ Obwohl er selbst den Kombistandort bevorzugt, versprach er: „Ich akzeptiere das Ergebnis, zu dem Sie kommen. Für mich persönlich ist der Markt nicht relevant, ich werde hier nicht einkaufen. Für niemand ist der tägliche Einkauf so wichtig wie für Sie.“ Einige Neckarweihinger nutzten die Gelegenheit, um ganz grundlegende Fragen zu den Standortalternativen zu klären.

Der große Andrang, wie es ihn bei der Bürgerversammlung vor einem Jahr gegeben hatte, blieb allerdings aus. Viele Stühle waren frei.


Else Kiesewetter
interessierte sich vor allem für die Zeitpläne: „Wann könnte gebaut werden?“ Laut Stadtverwaltung könnte am Standort Neckarterrasse 2014 eingekauft werden. In der Schwarzwaldstraße könnte der Lebensmittelmarkt Ende 2015/Anfang 2016 eröffnet werden. Der Schulneubau wäre erst zum Schuljahr 2016/2017 fertiggestellt.


Ingrid Schwarz
macht sich nicht nur Gedanken um den neuen Markt, sondern auch um die bestehenden Geschäfte: „Schließt der Netto, wenn der neue Markt kommt?“ Wirtschaftsförderer Frank Steinert hatte keine guten Nachrichten: „Der Discounter wird auf jeden Fall schließen.“ Eigentlich habe der Betreiber die Filiale längst dichtmachen wollen, weil sie zu klein sei.


Karl Kämpfer ist der Auffassung, dass kleine Läden mehr Überlebenschancen haben, wenn der Markt in die Neckarterrasse kommt. Die Erfahrung habe gezeigt, dass Geschäfte innerorts unter Märkten auf der grünen Wiese leiden, so Spec. Diese Annahme unterstützte Martin Wiemann (Verband Region Stuttgart): „Unsere Erfahrung ist, dass kleine Läden innerorts durch einen Markt in der Nachbarschaft belebt werden.“ „Es gibt auch Standorte, an denen es nicht funktioniert hat“, sagte Julia Wunder (GMA-Gutachterin).


Sandra Kühn ärgerte sich darüber, dass im Zusammenhang mit dem Kombistandort von „innerorts“ gesprochen werde. „Die sind doch beide am Ortsrand.“
„Wie sind die Busverbindungen zu beiden Standorten?“, wollte Ingrid Schwarz wissen. „Beide Standorte sind mit dem Linienbus zu erreichen. Im Neubaugebiet wäre der Weg von der Haltestelle zum Markt geringfügig weiter“, sagte Ralph Wilczek (Stadt Ludwigsburg).


Günther Bell, der direkt am Netto-Markt gegenüber der Schule wohnt, sorgt sich wegen des Verkehrs. „Wir sind jahrelang Leittragende, wir haben keine Lust auf noch mehr Verkehr.“ Er wollte wissen, mit wie vielen Lastwagen er rechnen müsse und wann geliefert werde. Die Vertreter von Rewe und Edeka, die beide gerne den künftigen Vollsortimenter in Neckarweihingen betreiben würden, kalkulieren mit fünf Lastwagen täglich. „Bei den Anlieferungen halten wir uns an die gesetzlichen Regelungen, vor sechs Uhr wird nicht geliefert“, versprach Volker Pongratz (Rewe).


Monia Führer wunderte sich, dass in der Schwarzwaldstraße 80 Kundenparkplätze eingeplant seien. Schließlich werde immer betont, dass den Kombistandort viele Kunden zu Fuß erreichen können. „Es ist ja nicht gesagt, dass tatsächlich kein Kunde mit dem Auto kommt“, erwiderte Roger Otto (Edeka).


Jutta Kopp sorgte sich um die Schulwegsicherheit und fragte: „Wer denkt denn hier überhaupt an unsere Kinder?“ Durch einen Supermarkt in der Schwarzwaldstraße würde der Schulweg der Kinder um einiges gefährlicher.


Bärbel Treiber-Juranek teilte diese Bedenken. „Ein Supermarkt bringt Stress in den Lebensraum der Menschen.“ Als Lehrerin könne sie eine solche Variante nicht befürworten. Der Erste Bürgermeister Konrad Seigfried gab zu, dass Verkehr immer eine Gefahr für Kinder sei. Die Stadt habe es sich zum Ziel gemacht, Supermarkt und Schule optimal zu trennen. „Die Kinder müssen nicht über den Kundenparkplatz gehen, um die Schule zu betreten.“ Mathias Weißer (Leiter des Hochbauamts) versprach, dass durch ein Belüftungssystem ohnehin die Fenster zum Lüften nicht geöffnet werden müssten. So könne auch Lärm vom Parkplatz nicht in die Klassenräume dringen und beim Lernen stören.


Sigrid Hirsch wundert sich über die Kostensteigerung um 300 Prozent für die Sanierung der Schule. „Bei der letzten Bürgerversammlung war lediglich von 4,5 Millionen Euro für die Sanierung die Rede. Wie kommt es zu der Kostensteigerung?“ Mathias Weißer gab zu bedenken, dass man vor einem Jahr nur groß kalkuliert hatte, ohne das Gebäude genauer angeschaut zu haben. Auch sei das Raumprogramm nicht berücksichtigt worden. Inzwischen geht das Hochbauamt von 15,68 Millionen Euro Kosten für Generalsanierung und Erweiterung aus. Für den Neubau in Kombination mit dem Lebensmittelmarkt werden 13,73 Millionen Euro fällig. Die Stadt rechnet beim Neubau mit Mehreinnahmen durch Grundstücksverkäufe.


Gerhard Seeger, Vorsitzender des Fördervereins der Schule, macht sich Sorgen um die Lernbedingungen, wenn Schule und Supermarkt in einem Kombibau untergebracht würden. Das Schulgelände müsste neu geordnet werden, ein Teil der Freifläche fiele dem Kundenparkplatz zum Opfer. Seeger erinnerte an die Bedeutung des Schulbiotops und der Bienenstöcke. „Mit Verlaub, ein Bienenstand muss nicht in der Schule sein“, konterte der Erste Bürgermeister Konrad Seigfried. Neckarweihingen verfüge über ausreichend Freiflächen, die Bienenstöcke könnten beispielsweise auf dem Robinsonspielplatz eine neue Heimat finden. Für Gerhard Seeger ist die Neckarterrasse auch eine bessere Wahl, weil so „die architektonische Qualität des Behnisch-Baus“ erhalten bliebe.


Michael Busch stellte die Qualität in Frage: „Wenn die Schule nach 50 Jahren bereits reif für eine Generalsanierung ist, dann ist die Qualität des Behnisch-Baus allerdings fraglich.“ Er hob hervor, dass der Stadtteil bereits jetzt überaltert sei und daher die fußläufige Erreichbarkeit wichtig ist. „Das spricht für die Schwarzwaldstraße.“ Seine Frage: „Muss der Bebauungsplan geändert werden?“ Martin Kurt, Leiter des Stadtplanungsamtes erklärte, dass an beiden Standorten ein Bebauungsplanverfahren nötig wäre. „Wir benötigen ein Sondergebiet.“


Roland Schmierer, Vorsitzender des Neckarweihinger Bürgervereins, sprach sich gegen die Abstimmung aus. „Das Engagement der Bürger im STEP wird damit ad absurdum geführt“, kritisierte er. Damals habe man sich bereits für den Standort Neckarterrasse entschieden. Anja Wenninger (Stadt Ludwigsburg), die den STEP 2007 betreut hat, erinnerte daran, dass die Neckarterrasse nur zum Favoriten erklärt wurde, da zwei Alternativen am Ortseingang und in der Ortsmitte wegfielen. Ein Standort im Ort sei immer der Wunsch gewesen. „Der STEP ist im Übrigen von seinem Selbstverständnis her kein Beschluss auf immer und ewig.“

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