
Anklage steht nach 68 Jahren kurz bevor

Es ist kurz nach sechs Uhr morgens in den toskanischen Bergen am 12. August 1944. Vier Kompanien der SS-Panzergrenadierdivision „Reichsführer SS“ umzingeln das Dorf Sant’ Anna di Stamezza bei Carrara. Die jüngeren Männer flüchten, als sie die Leuchtsignale der Deutschen sehen, die sie als Zeichen einer derer gefürchteten „Arbeiterfangaktionen“ deuten. Am Ende des Tages haben die SS-Männer und Soldaten 560 Frauen, Kinder und Alte in die Luft gesprengt oder erschossen und das Dorf niedergebrannt. Das jüngste Opfer ist gerade einmal drei Wochen alt.
Diese Greueltat war nur eine von vielen in den 20 Monaten der deutschen Besatzung nach der Absetzung Mussolinis und dem italienischen Friedensvertrag mit den Alliierten im September 1943. Das Wüten der Deutschen in Italien kostete nach vorsichtigen Schätzungen 10 000 Zivilisten sowie ungezählten Juden und Partisanen das Leben.
Jetzt, 68 Jahre später, könnte Anklage gegen mehrere Männer erhoben werden, die an dem Massaker am 12. August 1944 beteiligt waren. Das bestätigte gestern die Staatsanwaltschaft Stuttgart gegenüber unserer Zeitung. „Es gibt aber noch keinen offiziellen Abschluss der Ermittlungen“, sagte Pressestaatsanwältin Claudia Krauth. Sie geht von „den nächsten Wochen oder Monaten“ aus. Ob die Männer der Jahrgänge 1919 bis 1926 überhaupt angeklagt werden, ist laut Krauth noch unklar, auch die Zahl der möglichen Angeklagten will sie nicht nennen.
Mittlerweile wird die Kritik immer lauter, die deutschen Behörden verschleppten die Ermittlungen. Diese wiederum begannen erst 1996 auch in Ludwigsburg bei der Zentralen Stelle zur Verfolgung von NS-Verbrechen. Dorthin waren die Ermittlungen zu zwei Baden-Württembergern übergeben worden, nachdem 1994 – 50 Jahre nach den Taten – der sogenannte „Schrank des Vergessens“ in Rom aufgebrochen und Hinweise auf 700 Kriegsverbrechen zwischen 1943 und 1945 und 2200 deutsche Täter gefunden worden waren (siehe Bericht rechts unten).
2002 schloss die Zentrale Stelle nach Auskunft von deren Leiter Kurt Schrimm die Vorermittlungen ab und übergab an die Staatsanwaltschaft Stuttgart. Seither sei Ludwigsburg nicht mehr mit dem Fall befasst gewesen, macht Schrimm deutlich. Die Vorermittlungen, teils vor Ort in Italien, seien nicht vollständig gewesen, „und wir leisten gerne Amtshilfe“. Es seien aber keine Anfragen von den Ermittlern der Gruppe „Nationalsozialistische Gewalt“ beim Landeskriminalamt mehr gekommen.
Zehn Jahre seien bei Auslandsermittlungen nicht ungewöhnlich, so Claudia Krauth von der Staatsanwaltschaft Stuttgart. „Da geht es um viele Namen, das ist sehr langwierig und aufwendig.“
Die Italiener waren schneller. Die entdeckten Fälle wurden ab 1994 auf mehrere italienische Staatsanwaltschaften verteilt, und es kam zu einigen Prozessen gegen Kriegsverbrecher. Bereits 2005 wurden zehn namentlich bekannte Deutsche in Abwesenheit wegen der Beteiligung an dem Massaker von Sant’ Anna zu lebenslänglich verurteilt. Dies hat aber in Deutschland keine Auswirkung, wo komplette Verfahren ohne Anwesenheit der Angeklagten nicht erlaubt sind. Seitdem sind mindestens drei der in Italien Verurteilten, die zum damaligen Zeitpunkt unbehelligt in Deutschland gelebt haben sollen, gestorben.
Zuletzt hatte die Anwältin von Angehörigen der italienischen Opfer von Sant’ Anna, Gabriele Heinicke, kritisiert, die Staatsanwaltschaft warte geradezu auf diese „biologische Lösung“. Deutschland müsse endlich Verantwortung übernehmen, so die Hamburger Juristin. Derzeit sieht es ganz danach aus, verdichten sich doch die Informationen aus Justizkreisen, dass von Stuttgart aus in Kürze Anklage erhoben werden wird. Mit dem Massaker von Sant’ Anna würde damit einer der letzten großen Gerichtsverfahren gegen Deutsche aus der Zeit des Nationalsozialismus stattfinden.
Wie berichtet, hat die Zentrale Stelle in Ludwigsburg nach dem aufsehenerregenden Fall John Demjanjuk gerade die Vorermittlungen zu einem Wachmann aus dem Konzentrationslager Auschwitz abgeschlossen und der Staatsanwaltschaft in Weiden (Oberpfalz) übergeben. Gegen einen weiteren Aufseher aus dem Auschwitzer KZ ermitteln die Ludwigsburger Fahnder derzeit noch, wie auch in einigen anderen Fällen. Auch knapp 70 Jahre nach Kriegsende gehen die Fälle nicht aus.