„Da kommen die Helfer“
„Da kommen die Helfer“
Mohn und Lein werden flach ausgesät: Mohn bis zu einem halben, Lein bis zu einem Zentimeter tief. Auf den Äckern gedeiht deshalb gerne auch Unkraut. Mit der Motorsense hat Bäuerle dieser Tage die Disteln geköpft. „Die maschinelle Unkrautbekämpfung hat ihre Grenzen, die chemische Keule scheidet eh aus.“
Das spätere Reinigen der Ernte wird deshalb auch zum Kraftakt. Jeden Sonntag, fünf bis sieben Stunden lang, lief bis in den März hinein seine 50 Jahre alte Reinigungsmaschine, um der Ölmühle die reine Saat abliefern zu können. Die Ausbeute pro Tag: 300 Kilogramm. Jetzt kauft er sich eine schnell arbeitende Reinigungsanlage für die Ernte auf der größeren Fläche. Er wird auch die Äcker zwei Jahre lang mit Kleegras bepflanzen, das die Felder vom Unkraut säubert.
Lein und Mohn lieben magere Böden, wie sie typisch sind fürs Heckengäu. Bäuerle spricht von „gefrorenen Böden“. Soll heißen: hart, steinig, eine Muschelkalkgegend. Lein muss nicht gedüngt werden. Während der Blüte sollte es regnen und „das hat diesmal gut geklappt“. Die Pflanze sei anspruchslos bis zur Ernte. Doch wenn die Samen im September reif sind, wird die Ernte zur schweißtreibenden Angelegenheit. Die faserreichen Stängel lassen sich nicht leicht abschneiden, sind zäh, widerstehen nur gut geschliffenem Schneidewerk nicht, zwingen trotzdem, immer wieder vor und zurück zu fahren – bis sie fallen. Etwa 1300 bis 1500 Kilogramm pro Hektar lassen sich ernten, sagt Bäuerle. Der Ölgehalt gut getrockneter Samen liegt zwischen 25 und 30 Grad. Für den Landwirt lohnt sich das Projekt trotzdem, auch unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten. „Auf diesen mageren Standorten würde sich mit Getreide weniger erzielen lassen als mit Lein.“
Gestern präsentierte Plenum Heckengäu, ein gemeinsames Projekt der Landkreise Ludwigsburg, Enz, Böblingen und Calw in Iptingen den Lein- und Schlafmohnanbau auch als Beitrag zur regionalen Marke „Heimat. Nichts schmeckt näher“. Nicht nur der stellvertretende Landrat des Enzkreises, Wolfgang Herz, Wiernsheims Bürgermeister Karl-Heinz Oehler und Simone Hotz von der Plenum-Geschäftsstelle im Landratsamt Böblingen hatten sich nebst Landwirt Bäuerle versammelt. Zur Runde vor blauen Leinblüten unter nicht minder blauem Himmel und bei singenden Feldlerchen gehörte auch Jürgen Krauth, Chef der historischen Ölmühle Illingen im Enzkreis.
Ohne Krauth ginge Bäuerles Rechnung nicht auf. Der Ölmüller hat sich extra eine Schneckenpresse für kleinteilige Saaten wie Lein und Mohn gekauft. Die Nachfrage nach diesen Ölen sei rege, speziell nach Leinöl, sagt er. Es werde gerne als Naturheilmittel verwendet: Täglich ein Esslöffel für therapeutische Zwecke senkt durch einen Anteil von 56 Prozent Omega-3-Fettsäuren den Blutfettspiegel. Es ist empfindlich, dieses Leinöl, meint er. Deshalb presst er zwei- bis dreimal die Woche kleinere Chargen und stellt sie kühl. Das Öl ist drei Monate haltbar und kann deshalb nicht auf Vorrat produziert werden. Einen Viertelliter verkauft er für 5,40 Euro.
Bis nach dem Zweiten Weltkrieg hatten in Süddeutschland die Bauern meist auch ein Mohnfeld, um Öl für den Eigenbedarf zu bekommen. Ein Nischenprodukt sei es inzwischen, das delikate Salatöl aus Mohn. Eine fast verschwundene Kulturpflanze, die jetzt wieder aufblüht. Bis 1. Februar eines Jahres muss Landwirt Bäuerle fürs Bundesopiumregister melden, auf welcher Fläche er Schlafmohn anbauen will, „Es gibt nur zwei opiumfreie Sorten.“ Auch sie dürfen erst seit wenigen Jahren wieder angebaut werden.




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