75 Jahre Naturschutzgebiet
LUDWIGSBURG | 20. Oktober 2012

Das letzte Stück Landschaft

Der Favoritepark ist eine Oase inmitten der Stadtwüste, ein Ort der Ruhe inmitten des Lärms

Ein Landschaftsbild, das seinesgleichen sucht. Blick auf die lockeren Laub- und Weidewälder im Favoritepark.
Ein Landschaftsbild, das seinesgleichen sucht. Blick auf die lockeren Laub- und Weidewälder im Favoritepark.
Fotos: Holm Wolschendorf
Mufflons leben am Mittelmeer. Für Ludwigsburg machen sie eine Ausnahme.
Mufflons leben am Mittelmeer. Für Ludwigsburg machen sie eine Ausnahme.
Die Allee wurde im 18. Jahrhundert angelegt.
Die Allee wurde im 18. Jahrhundert angelegt.
Totes Holz bleibt oft im Park liegen. Die Insekten freuen sich.
Totes Holz bleibt oft im Park liegen. Die Insekten freuen sich.

Das Rauschen der Marbacher Straße im Rücken geht es durch den Haupteingang hinauf Richtung Favoriteschloss. Es duftet nach Herbst, von der Bottwartalstraße donnert ein Bohrmeißel herüber. Vorbei am Schloss, hinein in den Wald, hinein in die Ruhe, doch das Verkehrsrauschen verschwindet nie ganz.

Der Favoritepark ist eine in sich geschlossene Welt. 1937, vor genau 75 Jahren, wurde er zum Naturschutzgebiet erklärt. In der Begründung von damals heißt es schwülstig-pathetisch: Der Favoritepark sei ein Bild deutscher Kulturgeschichte. 1939 hat er 50 000 Besucher pro Jahr. Heute sind es über 200 000.

Was ist das Geheimnis dieser 72 Hektar (100 Fußballfelder) kleinen Mini-Landschaft?

Der Favoritepark ist das Überbleibsel einer Waldzone, die sich einst bis nach Bietigheim erstreckte. Er ist der kleine Rest eines sogenannten Hudewalds, in den seit dem Mittelalter das Vieh zum Weiden getrieben wurde. So etwas ist sonst weit und breit nirgendwo mehr erhalten.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts kommt mit der Gründung Ludwigsburgs und seinem Residenzschloss der schwäbische Hochadel ins Spiel. Das hat diesem Waldstück wohl das Leben gerettet. Um die Jagd zu erleichtern, wird schon damals ein Außenzaun angelegt. Der konserviert und schützt diese kleine Welt bis heute. In den 20er Jahren des 18. Jahrhunderts wird das Schlösschen fertig gebaut. Die Allee wird angelegt. Unter Herzog Friedrich, dem späteren König, wird der Favoritepark schließlich zum Tiergarten.

Noch heute sind die Wildtiere die große Attraktion. Fast 100 davon leben im Favoritepark – Dammwild, Axishirsche und Mufflons. „Daneben gibt es auch Dachse, Füchse und Kaninchen“, weiß Revierförster Axel Armbruster. Und natürlich Eichhörnchen.

Ludwigsburg ist eine der waldärmsten Gebiete im Land. Das macht den Favoritepark noch kostbarer. Hier gibt es noch einige 250 bis 300 Jahre alte Eichen. „Die stehen jetzt aber langsam alle am natürlichen Ende ihres Lebens“, sagt Armbruster. Jedes Jahr sterben Bäume ab, neue müssen angepflanzt werden. Nadelbäume gibt es fast keine, dafür neben den Eichen auch Buchen, Kastanien und sogar Obstbäume. In den alten Bäumen sind viele Vögel zu Hause . Es zwitschert aus allen Richtungen.

Da der Park ein Naturschutzgebiet ist, wird nur wenig eingegriffen. Viele Bäume bleiben sich selbst überlassen, totes Holz wird nur zum Teil weggeräumt.

Die meiste Arbeit machen laut Armbruster die Grünflächen, also die Weiden für das Wild und vor allem der Rasen um das Favoriteschloss. Hier wollte der Herzog Ende des 18. Jahrhunderts ein Stück englischen Landschaftsgarten. Dieser Eindruck ist bis heute erhalten.

1,5 Kilometer führt die Allee durch den Park. Das Verlassen des Wegs ist verboten. Ebenso wie Lärm, Feuer, Feiern, Hunde und Müll. Bei 200 000 Besuchern im Jahr ist das natürlich nicht einfach. Mal laufen doch Hunde hindurch, dann schmeißt wieder jemand seinen Müll über den Zaun, der den Park umfasst.

„Der Favoritepark ist einer der ganz wenigen Parks in Deutschland, die heute noch so aussehen, wie vor 200 Jahren“, schwärmt Armbruster. Seit 18 Jahren ist er nun schon Revierförster, in seine Zuständigkeit fallen auch andere Waldstücke im Kreis. Aber dieser Park bleibt für ihn etwas ganz Besonderes. „Ludwigsburg kann sich glücklich schätzen.“

Der Favoritepark ist eine Insel inmitten der Stadt. Schon seit Jahrzehnten rückt die Bebauung immer näher, schnürt ihn ein, nimmt ihn in den Schwitzkasten. Der Favoritepark ist heute von allen Seiten zugebaut und einklemmt. Das Wohngebiet Favoritegärten und die Neubaugebiete Hohenecks, Bahnschienen, das gigantische Umspannwerk in Hoheneck, viel befahrene Straßen, die Pädagogische Hochschule, die Finanz- und Verwaltungshochschule, die Fröbelschule. All das reicht unmittelbar an dieses absolutistische Landschaftsdenkmal heran. Es bleibt nur ein schmaler Korridor hinaus ins freie Land auf die Felder Richtung Freiberg. Ein schmaler Korridor zum Atmen.

Die Vorsitzende des BUND Ludwigsburg, Elga Burkhardt, sieht den Favoritepark auch heute noch in Gefahr. In der Vergangenheit habe es immer wieder Ideen gegeben, die dem Naturschutzgebiet noch mehr zugesetzt hätten. Mal wurde ein Tunnel unter ihm geplant, dann eine Umgehungsstraße am Park. Nichts davon wurde verwirklicht. Allerdings: Für den neuen Radweg entlang der Bottwartalstraße wurde der Favoritepark abermals an seinem Rand angebaggert. „Es sind gerade diese vielen kleinen Veränderungen, die unsere natürlichen Lebensgrundlagen zerstören“, sagt Burkhardt.

Davon wird am Montag wohl niemand sprechen. Denn dann soll gefeiert werden. Zum Jubiläumsspaziergang haben sich Regierungspräsident Johannes Schmalzl, Landrat Rainer Haas und Oberbürgermeister Werner Spec angekündigt.

Christian Walf
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