LUDWIGSBURG | 31. Juli 2008

Der Konditormeister und die Kaffeetrinkerin

Die Kaffeetrinkerin gehört zu den liebenswürdigsten Modellen, die der württembergische Hofbildhauer Johann Christian Wilhelm Beyer für die Ludwigsburger Porzellanmanufaktur geschaffen hat.

Peter Frankenstein/Hendrik Zwietasch, Landesmuseum Württemberg


Mit übereinandergeschlagenen Beinen sitzt sie an einem runden Tischchen und ist im Begriff, sich Kaffee einzuschenken. Die komplett vergoldete Kaffeekanne gibt ein Gefäß aus Edelmetall wieder, weshalb die Kaffeetrinkerin den Kannenhenkel auch nicht mit der bloßen Hand ergreift. Um sich am heißen Silber nicht die Finger zu verbrennen, nimmt sie beim Einschenken ein weißes Tuch zu Hilfe.
Beyers Kaffeetrinkerin führt einen der Gründe für die beispiellose Karriere des Porzellans in Europa vor Augen: Als schlechter Wärmeleiter war das neue Material für die heißen Modegetränke des 18. Jahrhunderts (Tee, Kaffee und Schokolade) vorzüglich geeignet.
Einer, der das täglich in seinem Café erlebte, war der Stuttgarter Konditormeister Wilhelm Murschel (1822-1885). In der Königstraße / Ecke Poststraße führte er den von den Eltern übernommenen Betrieb weiter. Wilhelm Murschel war ein leidenschaftlicher Antiquitätensammler und interessierte sich hauptsächlich für Porzellan des 18. Jahrhunderts. Als Konditor gehörte er jenem Berufsstand an, der 100 Jahre zuvor den figürlichen Tafelschmuck aus Zuckerwerk angefertigt hatte. Ob er sich selbst in dieser Tradition sah oder mit dem Sammeln von Porzellanfiguren bewusst in diese Tradition stellen wollte, ist leider nicht bekannt.
Wilhelm Murschel hatte die großherzige Angewohnheit, dem Königlichen Museum vaterländischer Altertümer alljährlich am Geburtstag des Königs einen Porzellangegenstand aus seinem Besitz zu schenken. Im Jahr 1875 erwarb die Altertümersammlung dann die komplette Sammlung Murschel. Der Ankauf umfasste 680 Gegenstände, überwiegend Ludwigsburger Porzellan des 18. Jahrhunderts. Diese äußerst qualitätvolle Privatsammlung bildete den idealen Grundstock für die darauf aufbauende Sammeltätigkeit des Museums.
Besonders beim figürlichen Porzellan zeigt sich, dass die wichtigsten und besten Stücke des heutigen Museumsbestandes nahezu ausnahmslos aus der Sammlung Murschel stammen. Hervorzuheben ist die lange Reihe hervorragender Figuren des Hofbildhauers Beyer, zu denen auch die Kaffeetrinkerin zählt.
Die Kaffeetrinkerin ist noch bis zum 21. September in der Sonderausstellung „Luxus und Lustbarkeiten des Rokoko. Herzog Carl Eugens Venezianische Messe“ im Alten Schloss in Stuttgart zu besichtigen. Danach kehrt sie an ihren Stammplatz im Keramikmuseum im Schloss Ludwigsburg zurück.

Sabine Hesse
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