Ludwigsburg | 22. November 2013

Die Chemnitz-Connection: NSU-Kumpane am Neckar

Nicht nur das Terrortrio selbst hatte enge Verbindungen in den Raum Ludwigsburg – Rechtes Musiknetzwerk und NPD als Schaltstellen

Die Parole „Blut und Ehre“ stand auf den Fahrtenmessern der Hitlerjugend. Blood & Honour (B&H) heißt ein internationales Vertriebsnetzwerk für neonazistische Subkultur, das teils konspirativ arbeitet und mit Musik und Fanzines militante Rechte rekrutiert. In Deutschland seit 13 Jahren verboten, aber deshalb keineswegs verschwunden, prägte B&H, gemeinsam mit der NPD, die Szene im Kreis – die, als radikal bekannt, schon in den 1990er Jahren auch Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe anlockte. Teile des Jenaer und Chemnitzer B&H-Umfeldes des NSU zog es später für längere Zeit oder ganz in den Raum Ludwigsburg.

Zentrales Beispiel ist ein mit dem Terrortrio eng verbandeltes Rechtsrock-Trio um das Chemnitzer B&H-Label Movement Records: J.W., A.G. und T.S. Letzterer ist beispielsweise auf einem der Fotos zu sehen, das im Ludwigsburger Partykeller des 2003 verstorbenen Rechtsrockers Michael Ellinger aufgenommen wurde. T.S. dürfte erwartungsvoll nach Ludwigsburg gekommen sein: Er ist der Mann, dem Uwe Mundlos 1996 in einem Brief vom Waffenarsenal seiner hiesigen Kumpane vorgeschwärmt hatte. S. saß zu dieser Zeit noch im Gefängnis: Wegen einer Neonazi-Schlägerei, an der auch Mundlos beteiligt gewesen sein soll, verbüßte er von 1994 bis 1996 eine Haftstrafe und wurde von dem damals noch nicht abgetauchten Jenaer Trio unterstützt. Laut Recherchen linker Medien wie dem in Berlin erscheinenden Antifaschistischen Infoblatt (AIB), hinter dem ein ehrenamtlich arbeitendes Netzwerk linker Aktivisten und professioneller Journalisten steht, oder dem autonomen Internet-Portal Indymedia soll S. nach seiner Entlassung ein paar Monate mit Beate Zschäpe liiert gewesen sein und dem NSU 1997 Sprengstoff geliefert haben. Als die Polizei das TNT – gemeinsam mit der Namensliste, auf der neben den Namen von drei Ludwigsburger NSU-Vertrauten auch der von T.S. stand – im Januar 1998 in einer Jenaer Garage fand, tauchten Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe in den Untergrund ab.

Während seiner Aufenthalte in Ludwigsburg soll S. in der Gegend rechte Konzerte veranstaltet haben, später vertrieb er eine von Movement Records produzierte CD der Neonazi-Kultband Landser, in die er 10000 Mark investiert hatte. Titel: „Ran an den Feind.“ Die Songtexte sind von einem brachialen Rassismus gekennzeichnet, rufen indirekt zur Ermordung von Jan Philipp Reemtsma oder Michel Friedman auf. Als jahrelanger Informant des Berliner LKA verpfiff T.S. später aber sowohl die Band, die 2003 zur kriminellen Vereinigung erklärt wurde, als auch seinen Chemnitzer Movement-Records-Kameraden J.W. – Letzteren mit unverkennbarem Hinweis auf dessen Beziehungen zum NSU.

Wie T.S. gehörten auch die beiden Movement-Records-Betreiber J.W. und A.G. dem Chemnitzer B&H-Ableger CC88 an. G. – Spitzname Mucke – spielte bei der Neonazi-Band Auf Eigene Gefahr, die der B&H-Jugendorganisation White Youth zugerechnet wurde. Er soll der Kontaktmann zwischen Ralf Wohlleben, der mutmaßlichen Schlüsselfigur der NSU-Unterstützerszene, und dem abgetauchten Terrortrio gewesen sein. Laut Berichten der Verfassungsschutzämter in Sachsen und Thüringen hat G. am 29. Januar 2000 am Rande einer NPD-Schulungsveranstaltung in Thüringen im Gespräch mit Wohlleben und dem damals noch nicht als V-Mann enttarnten NPD-Kader Tino Brandt einem Neonazi-Liedermacher mitgeteilt, dass es „den dreien“ gutgehe.

Als Mucke G., der heute in Aspach wohnt, hierher zog, soll er zunächst beim damaligen Gitarristen der Neonazi-Band Noie Werte untergekommen sein, der er sich dann ebenfalls anschloss. Im Januar 2012 fand bei G. im Zuge einer bundesweiten Fahndung nach NSU-Unterstützern eine Hausdurchsuchung statt. Seine Telefonnummer soll im Handy des NSU-Kumpans André E. gespeichert gewesen sein, den Beate Zschäpe noch unmittelbar nach dem Tod von Böhnhardt und Mundlos anzurufen versuchte. E. sitzt in München ebenso neben Zschäpe auf der Anklagebank wie Ralf Wohlleben.

Als Kopf der Movement Records sowie eines Fanzines mit dem Titel „White Supremacy“ gilt aber J.W., der eigentliche Produzent der Landser-CD. Er lebt seit etlichen Jahren in Besigheim. In seiner Chemnitzer Zeit war er Sektionsleiter von B&H in Sachsen. Möglicherweise, weil die Movement Records mit anderen Neonazi-Labeln konkurrierten, war W. aus der deutschen B&H-Division geflogen, die von „Pinocchio“ L. – damals Berlin, heute Kirchheim – geführt wurde. Laut den Verfassungsschutzämtern in Sachsen und Thüringen hatte W. im Herbst 1998 den Auftrag, dem NSU über Dritte Waffen zu besorgen, die von B&H aus Konzert- und CD-Einnahmen finanziert würden. Damit soll ein Banküberfall geplant gewesen sein, dessen Beute dem Terrortrio die Flucht nach Südafrika ermöglichen sollte. J.W. soll außerdem Verbindungsmann des NSU ins heimische Thüringen gewesen sein und verschiedene Dienstleistungen für die Terrorzelle übernommen haben, so konspirative Telefonate und Versorgungsfahrten. Im Prozess um die Landser-CD stellte er sich 2005 als Aussteiger dar und kam trotz Vorstrafen mit Bewährung davon. Auch seine Besigheimer Wohnung wurde im Januar 2012 im Zuge der NSU-Ermittlungen durchsucht.

Doch Besigheim ist für Thüringer Neonazis auch sonst kein unbeschriebenes Blatt: Bei der Bürgermeisterwahl 2008 trat der aus dem thüringischen Ronneburg stammende Christian Bärthel gegen Amtsinhaber Steffen Bühler an. Bärthel, ein ideologischer Hardcore-Nazi, der wegen seines rabiaten Antisemitismus sogar aus der DVU flog und wegen Volksverhetzung verurteilt wurde, bestreitet zwar, die Zwickauer Terrorzelle gekannt zu haben, räumt aber ein, als Büroleiter eines Zwickauer NPD-Landtagsabgeordneten regelmäßig Kontakt zu den NSU-Kumpanen und mutmaßlichen Terrorhelfern Ralf Wohlleben und A.K. gehabt zu haben. Bloßer Zufall, dass dieser Mann in Besigheim kandidierte?

Der Staatsschutz, versichert die Polizeidirektion Ludwigsburg, habe die aus Sachsen und Berlin zugewanderten B&H-Leute schon vor dem Selbstmord von Böhnhardt und Mundlos im Blick gehabt, so seien sie etwa nach der Schändung des jüdischen Friedhofs von Freudental im Oktober 2007 überprüft worden. Das war in den Monaten zuvor, nach der Ermordung der aus dem thüringischen Rudolstadt stammenden Polizistin Michèle Kiesewetter auf der Heilbronner Theresienwiese am 25. April 2007, anders. Damals fahndete die Polizei monatelang nach dem „Phantom von Heilbronn“ und nahm auch im Kreis Ludwigsburg per Wattestäbchen die Genproben unbescholtener Bürger, was der Datenschutzbeauftragte des Landes nach Hinweisen dieser Zeitung rügte. Dass Beamte das Wohnmobil der NSU-Mörder bei der Ringfahndung nur eine halbe Stunde nach der Tat in Oberstenfeld gesichtet hatten, ging bei der Jagd auf das „Phantom“ unter.

Enge Kontakte zwischen Württemberg hie sowie Thüringen da bestanden in den Jahren, in denen der NSU mordete, aber nicht nur unter Rechtsrockern, sondern auch über die NPD. Der im Kreis aufgewachsene M.L. etwa, heute Marketingleiter eines renommierten Bietigheimer Unternehmens, wurde als Landesvorsitzender der NPD-Nachwuchsorganisation Junge Nationaldemokraten (JN) 1996 vom baden-württembergischen Verfassungsschutz als V-Mann angeheuert, aber bereits 1997 wieder abgeschaltet. L. blieb auch danach Landeschef der JN und Mitglied im Landesvorstand der NPD, für die er bei der Landtagswahl 2001 in Stuttgart kandidierte. Ein halbes Jahr zuvor hatte er in Eisenach bei der Gründung der JN in Thüringen geholfen. An deren Spitze wurde damals der heutige NPD-Landeschef Patrick Wieschke gewählt, der wenige Wochen später – und kurz vor dem ersten NSU-Mord – Anstifter eines Sprengstoffanschlags auf eine Eisenacher Dönerbude war. Sein Stellvertreter bei den JN in Thüringen, Carsten S., war ein weiterer Kontaktmann Ralf Wohllebens zum NSU und besorgte dem Terrortrio die Ceska, mit der Böhnhardt und Mundlos mordeten. S., der wegen seiner Homosexualität aus der rechten Szene ausstieg, ist in München ein Mitangeklagter von und ein wichtiger Belastungszeuge gegen Beate Zschäpe.

Auch M.L. gehört nach eigenen Angaben nicht mehr zur Szene: Er habe „das Interesse verloren“ und die NPD schon 2001 verlassen. Bis 2006 war er mit zwei Mitinhabern, die ebenfalls eine rechte Vergangenheit haben sollen, Gesellschafter einer Firma für Internetpräsenzen in Hardthausen am Kocher. Reiner Zufall sei es, sagt L., dass sich ausgerechnet in Hardthausen im November 2004 ein Mann aus Thüringen, der an der JN-Gründung in Eisenach federführend beteiligt war, ein Häuschen kaufte: der wie Michèle Kiesewetter aus Rudolstadt stammende Tino Brandt, enger NSU-Spezi aus Jenaer Tagen und Chef des Thüringer Heimatbunds, einer SA-ähnlichen Truppe, in der sich auch Bönhardt, Mundlos, Zschäpe und Wohlleben tummelten. Mit M.L. verbindet ihn neben der Gründung der Thüringer JN und Hardthausen am Kocher noch mindestens zweierlei: Er war NPD-Kader und V-Mann des Verfassungsschutzes. Tino Brandt verlor das Haus am Kocher im April 2008 übrigens wieder, ein Jahr nach dem Mord an Michèle Kiesewetter: Er hatte es nie bezahlt.

Bleibt ein Blick auf L.s alten schwäbischen JN-Fahrensmann L.K., Wohnorte unter anderen Murr und Neckarwestheim. Er verließ die NPD 1999, weil diese einen Bosnier aufgenommen hatte, machte seine eigene Splitterpartei auf, die sich eng ans Gründungsprogramm der NSDAP anlehnte, trat – inzwischen wegen Landfriedensbruchs verurteilt – bei den Bundes- und Landtagswahlen 2005 und 2006 aber wieder für die NPD an. Von Neckarwestheim aus betreibt er einen Internetshop für Nazidevotionalien. In seinem Musikprogramm führt dieser „Weltnetzladen“ neben historischem Liedgut der NS-Zeit die Platten des Neonazi-Barden Frank Rennicke und der Rechtsrock-Diseuse Annett Müller.

Steffen Pross
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