Venezianische Messe
LUDWIGSBURG | 10. September 2012

Die Spinnenfrau und der schottische Italiener

Im Fischerhafen hinter der Dreieinigkeitskirche schmettert Claudio Molignini bei mediterranen Temperaturen italienische Schlager. Die Stimmung ist durchweg heiter, Hektik bleibt außen vor. Der Besuch der Venezianischen Messe ist Urlaub vom Alltag.

Ohne Zeitdruck flanieren, die Schönheit des Areals sowie die Kostüm- und Maskengruppen auf sich wirken lassen, die letzten Sommertage in sich aufsaugen und neue Kraft tanken – das ist das Erfolgsrezept einer Veranstaltung, die weit und breit ihresgleichen sucht.

Viele Sprachen und Dialekte sind zu hören, die Venezianische Messe hat längst internationalen Stellenwert und die meisten Besucher vereint vor allem ein Hobby: Fotografieren. Beispielsweise die beiden Frauen aus Stuttgart, die mit der Kamera auf die Jagd nach den schönsten Motiven gehen und im Paradiesgarten fündig werden. Die Maskengestalt lehnt am Rosenspalier und deren Kostüm leuchtet in der Sonne. Die beiden Frauen sammeln Motive wie andere Leute Briefmarken. Einfach aus Spaß, für sie ist das hier auf jeden Fall eine regelrechte Fundgrube.

Wie ein Star fühlt sich die Spinnenfrau „La Scura“. An ihr ist einfach alles perfekt, die Spinnenbeine winden sich um ihr schwarzes Miederkleid mit dem Reifrock, alles stimmt bis ins kleinste Detail. „Die Leute sagen, ich bin die Schönste“, versichert sie selbstbewusst im Kölner Tonfall. Das Verkleiden liegt ihr im Blut, neben dem Kölner ist der Venezianische Karneval ihr zweites Standbein. Auch in Venedig ist sie regelmäßig zu sehen, aber Ludwigsburg gefällt ihr besser. Es sei hier intimer und nicht so kommerziell, meint die Spinnenfrau, die einen düsteren Piratenmann an ihrer Seite hat.

Eine Barockgruppe lenkt die Aufmerksamkeit auf sich und das wundert nicht. Die Herrschaften sind einfach makellos gewandet und überzeugen mit höfischen Manieren. Ludwigsburg ist für die Damen und den einzelnen Herrn aus Neuwied einfach ein Muss. Während die einen speisen und sich kokett mit dem Spitzentaschentuch den Mund abtupfen, scheint ein Paar irgendwie aus der Zeit gefallen zu sein. Aus Tübingen kommen die beiden und sie vertreten das Spätmittelalter. Mit einfacher Bürgerkluft und hohen Kopfbedeckungen. „Wir wollten mal was anderes machen“, sagen sie.

Die Italiener bestimmen das Bühnengeschehen mit Canzoni, Arien, Tarantella und komödiantischen Einlagen. Endlich trifft man auch einen italienischen Besucher. Der empfiehlt sich als Highlander aus dem 18. Jahrhundert. Sein Schottenrock ist original, also nicht als Rock geschneidert, sondern raffiniert gewickelt und mit einem Gürtel zusammengehalten. Der Italiener im Kilt lenkt die Blicke genauso auf sich wie der Pfeifenmann in den Knickerbockerhosen. Der steht auf dem Kunsthandwerkermarkt und bietet seine Ware feil. Genauso wie der Verkäufer der schmucken, schattenspendenden Spitzenschirme. Die Paradiesvögel schnäbeln kokett für die Fotografen und die fantasievoll verkleideten Schwanenfrauen mit großen Nestern als Kopfbedeckung halten still für die zahllosen Klicks.

Kaum vorwärts kommen die beiden jungen Frauen in den farbenfrohen Satinkostümen mit blumigen Kopfbedeckungen. Ihre Gewänder üben eine regelrechte Strahlkraft auf die Besucher aus, immer wieder müssen sie stehenbleiben und posieren: „Wir haben alles selbst geschneidert.“ In Szene setzt sich auch der Froschkönig mit seinem Hofstaat. Das Quartett aus Hechingen fällt auf. Selbst die höfische Gesellschaft grüßt, wenn auch mit mokantem Lächeln.

Angelika Baumeister
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