LUDWIGSBURG | 10. Juli 2008

Ein Porzellan-Kamin für die Nichte des Herzogs

Im September 1782 erwartete der württembergische Hof hohen Besuch: Großfürst Paul von Russland, der künftige Zar, und seine Gemahlin, die Großfürstin Maria Fjodorowna, hatten sich angesagt. Bereits seit einem vollen Jahr befand sich das russische Thronfolgerpaar als Comte und Comtesse du Nord auf der Reise durch das westliche Europa. Der Deckname sollte den privaten Charakter der Reise betonen und die Zahl der offiziellen Verpflichtungen in erträglichen Grenzen halten.

Peter Frankenstein/Hendrik Zwietasch, Landesmuseum Württemberg


Für Maria Fjodorowna, eine Tochter des Herzogs Friedrich Eugen von Württemberg, bot sich während dieser Reise die willkommene Gelegenheit, nach sechs Jahren erstmals ihre Familie wiederzusehen.
Die 23-jährige Württembergerin war als Herzogin Sophie Dorothee in Treptow in Pommern und später in Mömpelgard aufgewachsen. Im Oktober 1777 hatte sie in St. Petersburg die Ehe mit dem russischen Thronfolger Paul geschlossen (eine äußerst vorteilhafte Verbindung). Zuvor war sie zum orthodoxen Glauben übergetreten und hatte den Namen Maria Fjodorowna erhalten.
Nach Österreich, Italien, Frankreich und den Niederlanden war das Paar im Sommer 1782 nach Mömpelgard gelangt und hatte dort Maria Fjodorownas Eltern in deren Sommerresidenz Étupes besucht. Über Straßburg und Karlsruhe führte die Reise anschließend in das Herzogtum Württemberg, wo Maria Fjodorownas Onkel, der regierende Herzog Carl Eugen, die hohen Gäste gebührend empfing.
Prunkvolle Feste und Hofjagden standen auf dem Programm und erforderten die Aufmerksamkeit der gesamten Hofgesellschaft. Der Dichter Friedrich Schiller nutzte bekanntlich diese Gelegenheit zur Flucht aus Stuttgart.
Unter anderem war ein Besuch der Porzellanmanufaktur Ludwigsburg geplant. Dort befanden sich schon seit geraumer Zeit die aufwändigen Geschenke in Arbeit, die man der hohen Verwandtschaft zu verehren gedachte – eine Herausforderung, denn in Venedig und Sèvres waren die russischen Gäste bereits mit kostbaren Geschenken aus den dortigen Manufakturen überhäuft worden.
Ludwigsburg musste den Vergleich jedoch nicht scheuen, denn man hatte sich etwas ganz Besonderes ausgedacht: Ein aus Porzellan gefertigter Kamin mit einem Spiegel darüber, dessen Rahmen und Streben gleichfalls aus Porzellan gearbeitet und mit Porzellanblüten geschmückt waren. Dazu eine vollständige Toilette aus Porzellan samt einem Porzellantisch.
Fast bescheiden wirken daneben die gleichfalls erwähnten Vasen mit Porträts der russischen und der württembergischen Familie. Im Keramikmuseum sind zwei große Doppelhenkelvasen ausgestellt, auf deren Deckeln Schwäne mit ineinander verschlungenen Hälsen Ovalschilde mit den aufgemalten Wappen von Russland und Württemberg im Schnabel halten. Zentral platzierte Porträtsilhouetten des Großfürsten Paul und der Großfürstin Maria Fjodorowna ziehen den Blick auf sich. Das Vasenpaar erinnert bis heute an den Besuch der später zur Zarin aufgestiegenen Württembergerin im Jahr 1782.

Dr. Sabine Hesse
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