09. Mai 2008

Ein würdiges Leben trotz Behinderung

Die blauen Schürzen umgebunden, servieren Stefan und Marcel giftgrüne Cocktails im Foyer des Kreishauses. Freundlich bieten sie alkoholfreie Vitaminbomben an. Dass die beiden „behindert“ sind, ist kaum feststellbar. Ein Beispiel für die landesweite Aktion „Mittendrin statt außen vor“, die sich im Landratsamt präsentierte.

So wie den beiden geht es rund 80 Prozent der Schwerbehinderten, schätzt Rolf Hahnenkratt, von der Eingliederungshilfe des Landratsamtes. Wahrgenommen würden nur Rollstuhlfahrer und die stark geistig Eingeschränkten. Nicht aber die, die starke Bandscheibenschäden haben, schwere Diabetes oder erhebliche Sehschäden. Sie gehören aber auch zu den rund 36 500 Kreisbewohner, die einen Schwerbehinderten-Ausweis besitzen.
Nur rund 1800 von ihnen bräuchten spezielle Hilfen beim Wohnen, Arbeiten und Leben. Damit werde gewährt, dass auch die mit massiven Einschränkungen, soweit als möglich im heimischen Umfeld selbst bestimmt bleiben können. „Wir trauen behinderten Menschen viel weniger zu, als sie können“, sagt die Rektorin der Favorite-Sonderschule, Evelyne Gnatzy-Götz. Wichtig sei vor allem, dass die Öffentlich- keit Berührungsängste abbauen würde. „Das Leben in Unkenntnis voneinander verhindert Kontakte“, kritisiert sie.
Die Aktion „Mittendrin satt außen vor im Landratsamt sei eine gute Plattform zu präsentieren, wie selbst bestimmtes Leben trotz Behinderung funktioniert.
„Behindert“, das Wort ist für Ulrike Bauer vom Psychosozialen Netzwerk nicht mehr „zeitgemäß“ und diffamierend. „Es sind Menschen mit Einschränkungen, deshalb aber nicht weniger wertvoll.“ Es darf verkostet werden, was in der Tagesstätte der Hoferstraße produziert wurde: fruchtiges G'sälz und Gelee, rezenter Brotaufstrich, namens „Zacusca“.
Den Aktionstag begrüßt Bauer, weil im Landratsamt zahlreiche Betroffene und Angehörige vorbeigehen. Und dass sie hier auch Experten trifft, denen Beratung auch nicht schadet: „Bei der Vielzahl der Angebote kann man schon mal den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen.“
Bernhard List, Vorsitzender der Lebenshilfe, meint: Jeder Mensch habe ein Recht auf angemessene und sinnvolle Beschäftigung. „Auch die mit einem Handicap haben wichtige und wertvolle Seiten.“ Deshalb müssten sie am Leben teilhaben dürfen, am besten dort, wo sie aufgewachsen sind. Er bedauert, dass zu wenige Behinderte wüssten, was ihnen tatsächlich zusteht. Ein eigenes Budget zwischen 100 und 1500 Euro zum Beispiel, das ihnen das Leben in der „normalen Gesellschaft“ erleichtert.
„Bodyguard“ heißt der Drink von Stefan und Marcel. Er geleitet zum behindertengerechten großen Reisebus nach draußen. Mit Rollstuhlaufzug und spezieller Sicherung für die Rollis, Toilette sowie Schwebesitz zum Umsetzen auf einen normalen Sessel.
So kann dann auch die Kaffeefahrt in der Gruppe zum gelungenen Ausflug werden. Mittendrin eben statt außen vor.

Thomas Faulhaber
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