LUDWIGSBURG | 01. September 2008

Flirten und streiten in der Senioren-WG

Essen auf Rädern gibt‘s im Eglosheimer Pflegeheim nicht. Gekocht wird selbst. „So wie zu Hause auch“, sagt Heimleiterin Katrin Balz. Das Besondere am Konzept des Eglosheimer Hauses: Die Senioren leben in Wohngemeinschaften, deren Zentrum die große Wohnküche ist.

Bild: Alfred Drossel

Die Zeiten, in denen Margarete Kübler (Name geändert) selbst ihren Haushalt meisterte, sind längst vorbei. Die Hände zittern, das Gehen fällt ihr schwer. Wenn sie spricht, dann langsam – und wirr. Ohne professionelle Hilfe kann sie ihren Alltag nicht mehr bewältigen und daher wohnt sie seit vier Wochen im Pflegeheim des Alexanderstifts. Gemeinsam mit zehn anderen Senioren. Sie hat ihr eigenes Zimmer, ihr eigenes Bad. Aber alles andere teilt sie sich mit den anderen.
So sieht es das Konzept des Pflegeheims vor. „Hausgemeinschaften vermitteln Sicherheit, Geborgenheit, Vertrautheit und Normalität“, ist sich Günther Vossler, Geschäftsführer des Alexander-Stifts (siehe Stichwort) sicher.
„Man kriegt einen Rhythmus“, sagt eine ältere Dame, die gerade an den großen Esstisch gekommen ist. Den ganzen Vormittag hat sie in ihrem Zimmer verbracht, jetzt zieht es sie zu den anderen. Einige schnippeln Aprikosen und Äpfel klein. In einer halben Stunde gibt es Mittagessen. Das kommt nicht auf Rädern ins Pflegeheim, sondern wird frisch gekocht. Der Duft von gebratenem Fleisch zieht durch die Küche. Es gibt Pfannkuchen, gefüllt mit Hackfleisch und Pilzen.
Die zehn Senioren werden den ganzen Tag von vier Mitarbeitern betreut. Diese müssen Allrounder sein: Denn nicht nur die klassische Pflege gehört zu ihren Aufgaben. Sie müssen auch mal den Tisch decken oder Zwiebeln schneiden. Zwar kümmert sich in jeder Wohngemeinschaft eine Hauswirtschafterin um die drei täglichen Mahlzeiten – aber hin und wieder braucht auch diese Unterstützung.
Manchmal kommt die auch von den Bewohnern selbst: Wie vergangene Woche, als zwei Damen mithalfen, den Obstsalat vorzubereiten. Zwar geht alles ein bisschen langsamer. „Aber so haben die Bewohner das Gefühl, noch gebraucht zu werden“, sagt Heimleiterin Katrin Balz.
Daher finden sich immer wieder Senioren, die mit anpacken. Nicht nur beim Kochen, sondern auch beim Haushalt – etwa beim Zusammenlegen der Wäsche. Nur eines hat die junge Heimleiterin bereits nach den ersten vier Wochen beobachtet: „Es helfen ausschließlich Frauen.“ Keineswegs macht sie den Männern einen Vorwurf – sie sieht das einfach in der Generation begründet: Früher war der Haushalt eben reine Frauensache.
Frauen sind im Pflegeheim in Eglosheim in der Überzahl. Sieben zählt die WG, nur drei Männer. Und klar ist auch: Von heute auf morgen entsteht in der Gruppe keine Harmonie. „Für jeden Einzelnen ist der Umzug ins Heim erst einmal ein Riesenbruch im Leben“, sagt die Heimleiterin. Und dann muss man sich auch erst aneinander gewöhnen – und manchmal auch an die mittlerweile ungewohnt gewordene Gesellschaft.
Ist diese Hürde genommen, dann geht‘s manchmal zu wie in jeder anderen WG. „Die streiten sich, die foppen sich – und ja, sie flirten auch miteinander“, sagt Katrin Balz. So hat letztens eine Dame die ganze Runde durcheinandergebracht, als sie einen Mitbewohner knitz anlächelte und fragte: „Na, junger Mann. Wie wär’s denn mit uns beiden?“ Momente, in denen auch die Pfleger schmunzeln.
Wenige Woche nach der offiziellen Eröffnung ist im neuen Pflegeheim nur eine von drei Hausgemeinschaften belegt. Doch die Liste der Interessenten sei lang, berichtet Katrin Balz. Überwiegend Bewohner aus dem Stadtteil oder der näheren Umgebung erkundigten sich über das Pflegeheim, das sich auch gegenüber den Eglosheimern offen zeigt.
Die Tür des Pflegeheims ist den ganzen Tag geöffnet, der große Raum im Erdgeschoss kann auch von Vereinen angemietet werden. Und Angebote, die über die Pflege hinausgehen, will man mit Hilfe von Ehrenamtlichen auf die Beine stellen. Bei einem Info-Treffen zählte Katrin Balz 22 Besucher und freute sich über das große Interesse: „Das ist klasse.“ So hofft sie, für die Bewohner bald Gymnastik und Gedächtnistraining mit Hilfe von Bürgern anbieten zu können. Damit die Bewohner der Hausgemeinschaften nicht abgeschottet hinter den Mauern des Pflegeheims ihre letzten Jahre verbringen. Sondern mittendrin im Leben von Eglosheim.

Katja Sommer
Weitere Artikel aus diesem Ressort
Anzeige
Mein Ort
Wählen Sie Ihren Ort
GerlingenDitzingenKorntal-MünchingenHemmingenSchwieberdingenEberdingenVaihingen an der EnzMöglingenLudwigsburgAspergKornwestheimRemseck am NeckarMarkgröningenOberriexingenSersheimTammFreiberg am NeckarBenningenMarbach am NeckarErdmannhausenAffalterbachSteinheim an der MurrMurrPleidelsheimIngersheimBietigheim-BissingenSachsenheimFreudentalLöchgauBesigheimHessigheimMundelsheimGroßbottwarOberstenfeldPrevorstGemmrigheimWalheimErligheimBönnigheimKirchheim am NeckarOttmarsheim
Nachrichten und mehr aus Ihrer Region!
Kinoprogramm
Schnellsuche

Wählen Sie eine oder mehrere der folgenden Suchoptionen aus:

Anzeige