
Güllegrube stinkt den Nachbarn

Vor gut zwei Jahren ist das Leben der Familien Kaiser, Rolla, Kissel und Groth noch in Ordnung. Sie genießen die lauen Sommerabende an der Markgröninger Blumenstraße auf ihren Balkonen und Terrassen. Sie laden sich Freunde ein, grillen, schwätzen und trinken kühlen Weißwein.
Doch das ist heute nicht mehr möglich. „Wir trauen uns überhaupt nicht mehr, Gäste einzuladen“, sagt Claudia Kaiser. Sabine Groth lässt auch bei 35 Grad die Fenster geschlossen. „Da bekommen Sie eine Meise.“ Helga Rolla sagt: „Unsere Lebensqualität ist dahin. Dabei wohnen wir schon 30 Jahre hier.“
Ihre Blicke schweifen in die Ferne. Keine 200 Meter Luftlinie entfernt taucht der Kuhstall und die Güllegrube des Landwirts Erwin Bäßler auf. Vor gut zwei Jahren hat der Bauer hier neu gebaut. Der Stall ist gewaltig und hat theoretisch Platz für etwa 200 Kühe. Noch sind zwar keine 100 Viecher da, doch seit Bäßler aufgetaucht ist, stinkt es in der Nachbarschaft gewaltig.
„Schon klar, wir leben auf dem Land“, sagt die Anwohnerin Kaiser. Doch was in ihrem Quartier weht, ist nach Angaben der Betroffenen mehr als die übliche Landluft. „Sie stehen vor einer Wand aus Gülle“, sagt Klaus Kaiser. „Der Mief ist bestialisch“, findet Axel Rolla.
Sie fangen an, Protokoll zu führen. Am 26. Juli notiert Hartmut Kissel: „1.30 Uhr und 21 Uhr: Bei 34 Grad Außentemperatur abnormaler Gestank. Türen und Fenster mussten geschlossen werden. Bei diesen Temperaturen ist das eine körperliche und seelische Belästigung.“ Fast jeden Tag findet sich so ein Eintrag.
Als der Landwirt Bäßler, der auch aus Markgröningen stammt, in ihr Viertel kommt, hoffen die Anwohner noch auf gute Nachbarschaft. Einmal schauen sie sich den Milchviehstall an und sehen , wie die Gülle ähnlich einem Wasserfall in die Grube plätschert.
Seitdem herrscht Funkstille. Der Landwirt Bäßler geht auf Tauchstation. Auf Anrufe reagiert er nicht. Auch die Stadtspitze ist nicht gut auf ihn zu sprechen. „Ich kann die Anwohner verstehen“, sagt der Bürgermeister Rudolf Kürner. Mit dem Gemeinderat wollte er erreichen, dass Bäßler seinen Betrieb weiter von den Wohnungen entfernt baut – ohne Erfolg. „Wir erwarten aber, dass er seine Auflagen erfüllt“, sagt Kürner. Er kennt den Betrieb von einer Besichtigung mit dem Landratsamt. Auch die Behörde beschäftigt sich mit dem Fall.
Mittlerweile liegt der Ball aber im Feld des Regierungspräsidiums. Das muss nun entscheiden, ob ein Sachverständiger den Stall und die miefende Güllegrube unter die Lupe nimmt. Doch das kann dauern. „Mir ist gesagt worden, dass in solchen Fällen eine Entscheidung bis zu zwei Jahre braucht“, sagt der Anwohner Kissel. Das dauert ihm viel zu lange. „Manchmal wünschte ich, ich wäre ein Juchtenkäfer“, sagt seine Frau Sabine Groth. „Dem wird wenigstens geholfen. Für uns Menschen tut man nichts.“
Die Anwohner haben eine Interessengemeinschaft gegründet, die sie IG Geruch nennen. Noch ist die Gruppe klein. „Viele andere rümpfen zwar auch die Nase“, vermutet Kissel. „Aber sie sind mit dem Landwirt persönlich oder wirtschaftlich verbunden und sagen nichts.“ Die Anwohner überlegen zudem, ob sie einen Anwalt beauftragen, der ihre Interessen vertritt.
Was noch bleibt, ist die ultima ratio: Wegzug. „Das will hier aber keiner“, sagt Sabine Groth. „So tolle Hausgemeinschaften finden wir nirgendwo anders.“
Info: Wer Kontakt mit der IG Geruch aufnehmen will, kann das per E-Mail tun unter iggeruch@web.de.