Behördendeutsch statt Festivalflair
Behördendeutsch statt Festivalflair

Die Wohnbereichsleitung einer Einrichtung der evangelischen Heimstiftung im Landkreis hat laut ihres Hauptgeschäftsführers Bernhard Schneider von einem Kleeblatt-Mitarbeiter vorige Woche das Angebot bekommen, für eine Prämie in Höhe von 1500 Euro zu einer Kleeblatt -Einrichtung zu wechseln. Die andere Hälfte, der vom Kleeblatt ausgegebenen Kopfprämie und damit weitere 1500 Euro würden beim erfolgreichen Werber ankommen. Die Mitarbeiterin hielt der finanziellen Verlockung stand, schreibt Schneider in einem offenen Brief an Landrat Dr. Rainer Haas: Geld sei eben nicht alles. „Sie hat damit unsere Erfahrungen aus den Mitarbeiterbefragungen bei der evangelischen Heimstiftung bestätigt, wonach die Zufriedenheit mit dem Arbeitgeber von ganz anderen Faktoren, wie Identifikation mit dem Image, Wertschätzung, Fortbildungsmöglichkeiten etc. zusammenhängt.“ Allerdings informierte die Wohnbereichsleiterin ihren Vorgesetzten.
„Die Not beim Kleeblatt muss sehr groß sein, wenn zu solchen Methoden gegriffen wird“, schreibt Schneider und schiebt gleich Fragen nach: „Wo soll das enden? Sollen sich die Altenhilfeträger im Landkreis Ludwigsburg mit Kopfprämien gegenseitig überbieten? Können sich andere, nichtöffentlich geführte Träger solche Prämien leisten?“ Und er will wissen, ob die von Kleeblatt gezahlten Kopfprämien über den Pflegesatz abgedeckt sind. „Das muss wohl so sein, denn aus Spenden wird das Kleeblatt diese Aufwendungen sicherlich nicht begleichen.“ Letztlich würden wohl die Pflegebedürftigen und die Kostenträger und damit auch der Landkreis Ludwigsburg als Sozialhilfeträger die Kopfprämien bezahlen, die im Erfolgsfall 3000 Euro und vielleicht mehr betragen. Er frage sich, wie das zu rechtfertigen sei und ob es tatsächlich klug sei, in eine solche Abwerbestrategie zu investieren.
Schneiders Rat: die Rahmenbedingungen für die Pflege verbessern statt abzuwerben. Dazu zähle nicht nur eine höhere gesellschaftliche Wertschätzung des Pflegeberufes, sondern auch höhere Personalschlüssel und eine bessere finanzielle Ausstattung für die Altenhilfe. Die Heimstiftung investiere viel Zeit, Geld und Engagement in ein umfassendes strategisches Personalkonzept, mit dem „wir Maßnahmen beschreiben und umsetzen um Fachkräfte zu gewinnen, zu fördern und zu halten“.
Auch wenn der Geschäftsführer der vom Landkreis und Kommunen getragenen Kleeblatt-Gesellschaft, Walter Lees, den Fall bestreitet, hegt Schneider keine Zweifel an der Schilderung seiner Mitarbeiterin. Über Abwerbeversuche von Kleeblatt werde schon immer hinter vorgehaltener Hand spekuliert. „Ich setze nicht auf Spekulationen, sondern halte mich an Fakten. Und sie sind in dem Fall eindeutig.“
„Wir haben keine Abwerber im Einsatz und zahlen keine Kopfprämie“, sagte Lees auf Anfrage. „Mir henn nix g’macht.“ Es gebe zwar seit vier Jahren das Programm „Mitarbeiter werben Mitarbeiter“, doch dabei erhielten nur die vermittelnden Mitarbeiter eine Prämie von 300 bis 500 Euro und auch erst nach Ablauf der Probezeit des Geworbenen. Zwei bis drei Fälle pro Jahr gebe es. Der neue Mitarbeiter erhalte keine Sonderzahlung. Sein Unternehmen bilde derzeit 72 junge Menschen aus und tue auch viel für die Fortbildung. „Wir haben solche Praktiken nicht notwendig.“ Er schließt aber nicht aus, dass jemand den Versuch bei der Mitarbeiterin der Heimstiftung unternahm: „Aber ohne jeglichen Auftrag.“ Lees kritisiert, dass Schneider mit seinen Vorwürfen an die Öffentlichkeit gegangen sei, ohne vorher die Kleeblatt-Geschäftsführung auf die Vorwürfe hin anzusprechen: „Ich bin fassungslos.“ Denn Schneider und er würden sich seit 15 Jahren kennen. Schneider war Kreisrat.
In die gleiche Kerbe wie Lees schlägt das Landratsamt. Die Behörde sei sehr überrascht, dass sich die Heimstiftung mit ihrem Vorwurf nicht zuerst an die Geschäftsführung der Kleeblatt Pflegeheim gGmbH gewandt habe. „Es wäre der normale Weg gewesen, das direkt miteinander zu klären. Erst in einem zweiten Schritt wäre ein Brief an den Landrat denkbar gewesen.“ Es sei auch sehr ungewöhnlich, dass die Heimstiftung ihren Vorwurf öffentlich geäußert habe. Im Umgang miteinander sei das Vorgehen der Heimstiftung befremdlich. „Der angebliche Vorfall ist uns unbekannt. Wir erachten den Vorwurf für haltlos, werden ihm aber nachgehen.“ Ein Gesprächsangebot an Schneider gibt es von Ralf Zimmermann, Bürgermeister von Großbottwar und Vorsitzender der Gesellschafterversammlung von Kleeblatt.
Sowohl Rudi Schrödel von der Arbeiterwohlfahrt (AWO), die das Hans-Klenk-Heim in Ludwigsburg betreibt, als auch Kersten Stier vom Arbeitersamariterbund (ASB) erklärten gestern auf Anfrage, bisher nichts von Abwerbeversuchen der Kleeblatt-Heime bemerkt zu haben. Doch zumindest der ASB, der vier Heime im Kreis betreibt, machte eigenen Erfahrungen mit einem privaten Betreiber: dem der Casa Reha, einer neuen Einrichtung auf dem früheren Walker-Areal in Ludwigsburg: „Die riefen Mitarbeiter direkt auf der Station an und versuchten, sie abzuwerben.“ Dem sei inzwischen ein Riegel vorgeschoben worden. „Kopfprämien sind wohl der neue Stil in der Branche“, so Geschäftsführer Stier. Schneider bezeichnet die Kleeblatt-Prämien als unüblich.




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