16.10.2012

Jugendstilbau mit Aufenthaltsqualität

Noch ist das alte Stadtbad in Betrieb, noch hüpfen Schüler in das blaue Wasserbecken, über dem sich ein hoher Raum mit Empore wölbt. Doch es wird bereits geplant und getüftelt. Irgendwann soll das Jugendstilgebäude von 1911 für die Ganztagsbetreuung der Schulen umgewidmet werden.

„In dieser Lage wäre es ideal als Kreativzentrum für die Schulen, als ein Experimentalgebäude mit verschiedener Nutzung.“

Der Jugendstil kommt mit seinen floralen Rankenmotiven oft süßlich daher. Davon hat das Stadtbad weniger, dafür aber ein großes Rundbogenfenster auf der Stirnseite, eine schöne Empore und eine auffällige Eingangshalle. „Der Gestaltungswillen ist klar erkennbar“, urteilt Wilhelm Haag. Der Bäder-Experte und Stadtrat geht davon aus, dass auch bei einem Umbau aus diesen schönen Elementen Profit geschlagen wird – und zwar in Form einer hohen Aufenthaltsqualität.

Das Bad soll in zwei bis drei Jahren für die Ganztagsbetreuung der Innenstadt-Schulen genutzt werden, auch eine zweite Mensa soll dort untergebracht werden. Wilhelm Haag – er hat in seinem Beruf als Architekt zahlreiche Bäder gebaut und saniert – möchte vor allem eines: Der Raum mit seiner zweigeschossigen Halle sollte erhalten bleiben. So eine Bauweise war erst möglich, seit man verstand, mit Eisenbeton zu bauen. Florale Ornamente also fürs Auge und, technisch anspruchsvoll, hohe und weit ausladende Räume, die für den Jugendstil typisch sind .

Auch deshalb ähneln sich in vielen Städten die Stadtbäder aus dieser Zeit. Und auch wenn die Innengestaltung des Ludwigsburger Bads nicht unter Denkmalschutz steht, wäre es fatal, so zu agieren wie etwa in der Stadt Leimen. „Da hat man eine Kantine draus gemacht und eine Zwischendecke eingezogen, das ist barbarisch“, so Haag.

Allerdings ist er kein Purist, der an jedem Stein festhalten will. Es ist eher die Konstruktion, die Empore und die große Halle, die seiner Meinung nach erhalten werden sollte. Haag: „Ansonsten ist man relativ frei in der Gestaltung.“ Einbauten sind seiner Meinung nach also möglich. Auch Anbauten könnte sich der Architekt vorstellen – etwa dort, wo jetzt die Heizanlage ist. Denkbar wäre dort auch ein zweiter Zugang.

Im Innenraum kommt es darauf an, wie das Gebäude genutzt wird. In vielen Städten sind die historischen Stadtbäder entweder als Bad saniert oder für andere Zwecke umgebaut worden. In Esslingen ist das Bad erhalten worden, in Heidenheim ist ein Kunstmuseum entstanden. Haag verweist auch auf Heidelberg, was für Ludwigsburger Verhältnisse zu aufwendig ist. In kleinerem Stil entstehen auch Theatersäle (siehe unten).

„Nur eine Mensa-Nutzung wäre zu wenig“, findet Haag, womit er auf Linie von Bürgermeister Konrad Seigfried liegt, der mit dem Stadtbad der Idee eines Innenstadt-Campus wieder mehr Inhalt geben möchte. Haags Vision: Das Haus, in dem räumlich so viel möglich ist, könnte „für die Schulen ein Kreativzentrum“ sein, ein Haus, in dem diese sich für künstlerische und naturwissenschaftliche Projekte treffen und sich begegnen. „Es könne ein Experimentalgebäude mit verschiedener Nutzung sein“, sagt der Mann, der in dem Stadtbad nicht nur irgendwelche Funktionen unterbringen will. „Auch für die Theaterarbeit mit den Schulen eröffnet so ein Raum tolle Möglichkeiten.“

Technisch ließe sich all das gut machen. Über das Becken würde ein Boden eingezogen, womit eine große begehbare Halle entsteht. Wände könnten variabel eingesetzt werden. Das Becken selbst zu nutzen, hält er für unpraktisch.

Wie teuer so ein Umbau wird, steht noch in den Sternen. Hätte man das Stadtbad saniert, wären nach Angaben der Stadtwerke etwa sechs Millionen Euro angefallen. Ein Betrag, den Haag auch für eine Sanierung ansetzen würde. „Das Stadtbad ist dreimal so groß wie die neue Mensa in der Gartenstraße.“

Schon früher gab es Konzepte für das Stadtbad, zuletzt 2005. Damals hatte man noch auf klassische Betreuungsräume gesetzt, die jeweils einer einzelnen Schule zugewiesen sind. Davon rückt man ab. Es sollen nun eher „Freizeiträume“ werden, so Erster Bürgermeister Seigfried. In dem Gebäude könnten verschiedene Angebote für alle Schüler untergebracht werden, der Campus sei schließlich „nicht nur eine Addition von Schulen“. Es geht um Schulsozialarbeit und Jugendbildung, um schulübergreifende Angebote.

Noch dieses Jahr, spätestens aber im nächsten Frühjahr soll das Konzept genauer ausformuliert werden. „Bisher gibt es nur eine grobe Skizze“, so Seigfried. Danach geht das Thema in die politische Beratung in den Gemeinderat.

Ob der Zeitplan gehalten werden kann, ist noch offen (siehe den Kurzbericht). Denn der Umbau kann erst erfolgen, wenn das neue Schul- und Vereinsbad gebaut ist. Die bisherige Planung: Das Bad sollte bereits 2014/2015 in Betrieb gehen. „Das war sehr optimistisch“, so die Leiterin der Bäder, Karin Wächter, von den Stadtwerken. Der Gemeinderat hatte es begrüßt, dass die Stadtwerke beabsichtigen, das neue Bad zu bauen.

Dass irgendwas von den alten Fließen oder Umkleidekabinen bleibt, ist indes unwahrscheinlich. „Da muss man alles bis auf den Rohbau ausbeinen und wieder neu aufbauen“, schätzt Haag. Die Atmosphäre wird bleiben, davon geht er trotzdem aus.

URL: http://www.lkz.de/lokales/stadt-kreis-ludwigsburg_artikel,-Jugendstilbau-mit-Aufenthaltsqualitaet-_arid,91731.html