18.09.2012

Kein Saft ohne Streuobstwiesen

Allerorten sind jetzt Stücklesbesitzer unterwegs, um Äpfel und Birnen aufzulesen und bei Sammelstellen oder direkt bei den Saftherstellern abzuliefern. Doch wie sehr ist die Branche auf solche Zulieferungen angewiesen? Und unter welchen Konditionen nehmen Betriebe das Obst an?

Hermann Rösch von der Saftmanufaktur (rechts) nimmt die Apfellieferung von Heinrich Mollenkopf entgegen.

Ludwigsburg. Vor allem samstags ist bei der Ludwigsburger Saftmanufaktur Rösch in den nächsten Wochen Großkampftag. „Wenn die Leute nicht arbeiten müssen, sind sie jetzt auf ihren Stückle und lesen Äpfel, Birnen und Quitten auf“, weiß der Geschäftsführer Andreas Rösch, der den Familienbetrieb in der dritten Generation führt. Während der Erntesaison stehe er ab vier Uhr morgens an der Saftpresse. 15-Stunden-Tage seien dann keine Seltenheit. Verarbeitet würde bei der Saftmanufaktur Rösch ausschließlich Obst von Privatkunden, 1200 Tonnen pro Jahr. Entsprechend angewiesen sei man auf die Lieferungen der Stücklesbesitzer. Daher rufe er in Anzeigen gezielt dazu auf, Obst anzuliefern.

„Die Menge ist dabei egal. Ob jemand mit zwei Eimern oder mit einem vollen Anhänger kommt, spielt keine Rolle.“ Wer jedoch ausschließlich aus seinen eigenen Früchten den Saft haben möchte, müsse mindestens 300 bis 350 Kilogramm bringen. Ansonsten werde sein Obst mit dem anderer gemischt gepresst. Denn die Kunden könnten nicht nur wählen, ob sie sich für ihre Lieferung ausbezahlen lassen oder sie gegen einen Gutschein für den Hofladen der Saftmanufaktur tauschen wollen, sondern sie können auch den Direktsaft davon pasteurisiert und fertig verpackt wieder mitnehmen.

Auch wenn die gelieferten Mengen Nebensache sind, die Qualität werde bei der Abgabe selbstverständlich kontrolliert. „Nur reife, gesunde Früchte ohne Fäulnis und Fremdkörper wie Steine werden angenommen“, erläutert Andreas Rösch. Pro 100 Kilo erhielten die Kunden momentan 8,50 Euro ausbezahlt. „Aber das ist ein Tagespreis, der sich stets ändern kann“, merkt der Geschäftsführer an.

Doch Röschs sind nicht die einzigen Saftproduzenten im Landkreis Ludwigsburg, bei denen die Ernten der Streuobstwiesen verarbeitet werden. Auch Fruchtsaft Bayer in Ditzingen-Heimerdingen und die Mundelsheimer Fruchtsaftkelterei Karl Schütz werben dieser Tage darum, bei ihnen Äpfel und Birnen abzugeben.

Bayer hat zum Beispiel vergangenes Jahr 6500 Tonnen Äpfel und Birnen verarbeitet. Davon seien etwa 30 bis 35 Prozent Bio-Obst gewesen. Ebenso wie die Ludwigsburger Saftmanufaktur, die bereits 75 Jahre besteht, sind auch Bayer und Schütz – typisch für die Branche – langjährige Familienbetriebe.

In der dritten Generation führt Matthias Schütz die Mundelsheimer Fruchtsaftkellerei, die 1927 von dessen Großvater Karl Schütz gegründet wurde. Dort werden 2000 Tonnen Äpfel und zehn Tonnen Birnen pro Jahr verarbeitet. Fast ebenso lang besteht das Ditzinger Unternehmen Fruchtsaft Bayer, dessen Geschäfte in der vierten Generation in den Händen von Jochen Bayer liegen.

Auf die längste Firmengeschichte im Landkreis Ludwigsburg kann allerdings die Firma Kumpf Fruchtsaft zurückblicken. Seit dem Jahr 1898 werden dort Säfte hergestellt. Und noch eines ist ihnen gemeinsam: Sie verwenden nach eigenem Bekunden ausschließlich Äpfel und Birnen aus Baden-Württemberg. Kumpf versaftet durchschnittlich 40 000 Tonnen Äpfel und 1000 Tonnen Birnen jährlich.

Während Bayer und Schütz sowohl mit Sammelstellen der Region als auch mit den Stücklesbesitzern direkt zusammenarbeiten, bezieht Kumpf das Obst nur über Sammelstellen. „Wir haben 80 eigene Kumpf-Sammelstellen in Baden-Württemberg. Darüber hinaus arbeiten wir auch mit rund 120 Sammelstellen der Raiffeisen-Organisationen zusammen“, berichtet Albrecht Kumpf, Geschäftsführender Gesellschafter.

Und wie sind die Zukunftsaussichten, nachdem der Bestand an Streuobstwiesen immer wieder als schwindendes Kulturgut Baden-Württembergs beschworen wird? „Davon merken wir bisher nichts“, sagt Jochen Bayer. „Jedoch stellen wir fest, dass ein immer größerer Teil derer, die Äpfel anliefern, im Rentenalter sind.“

Die Jungen seien beim Obstauslesen nicht so fleißig, was angesichts der Belastungen im Beruf auch nachvollziehbar sei. Um den Erhalt von Streuobstwiesen zu fördern, habe man daher den Ditzinger Biostreuobstverein mitgegründet. „Die Mitglieder bekommen für ihre Äpfel einen höheren Preis bezahlt. Schließlich sind Bio-Äpfel auch mehr wert“, erläutert Jochen Bayer, der auch der Vorsitzende der Initiative ist.

Andreas Rösch und Willy Bayer, der im kaufmännischen Bereich in der Fruchtsaftkelterei Karl Schütz tätig ist, beobachten hingegen einen gegenläufigen Trend zurück zur Streuobstwiese. „In letzter Zeit werden wieder mehr Bäume neu gepflanzt und die Streuobstwiesen damit wieder aufgeforstet“, berichtet Andreas Rösch. Auch wenn es natürlich noch eine Weile dauere, bis diese Früchte tragen, der Wandel in den Köpfen sei im Gang. „Der Verbraucher ist aufgeklärter und achtet mehr auf Regionalität.“ Und einige packten auch verstärkt selbst mit an. „Gerade Familien mit Kindern gehen gerne wieder auf den Streuobstwiesen sammeln“, sagt Willy Bayer.

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