Körperwelten
LUDWIGSBURG | 21. September 2012

Mehr als 200 000 Besucher an 87 Tagen

Massenhafter Abschied von den Plastinaten: Auch am letzten Tag der Ausstellung bilden sich lange Schlangen vor der Arena

Die Besucher warten geduldig auf ihr Rendezvous mit Gunther von Hagens‘ Leichen.
Die Besucher warten geduldig auf ihr Rendezvous mit Gunther von Hagens‘ Leichen.
Foto: Holm Wolschendorf

Wer in den vergangenen Tagen auf den letzten Drücker die Körperwelten-Ausstellung in der Arena sehen wollte, brauchte vor allem eines: viel Geduld. Auch am Donnerstag, dem letzten Ausstellungstag, bilden sich gelegentlich bis zu 200 Meter lange Schlangen vor der Multifunktionshalle. Die Besucher müssen mitunter über eine halbe Stunde anstehen, bis sie endlich Gunther von Hagens’ Plastinate sehen können.

Margit Siebler aus Stuttgart hat die Ausstellung bereits gesehen und genießt nun auf einer Sitzbank vor der Arena die warme Spätsommersonne. Das Konzept der Körperwelten fasziniere sie, erzählt die Stuttgarterin, deshalb sei sie auch nach Ludwigsburg gekommen. Allerdings verlief der Besuch der Ausstellung für sie eher enttäuschend. „Es war zu voll. Man konnte sich einfach nicht konzentrieren, deshalb bin ich auch früher rausgegangen.“

Es fällt auf, dass die Körperwelten nicht nur Publikum aus Ludwigsburg, sondern aus der gesamten Region Stuttgart anziehen, zum Teil auch weit darüber hinaus. Elke Bürkner und ihre Begleiterin etwa wohnen im bayerischen Erlangen. „Ich habe die Körperwelten schon in München verpasst, deshalb bin ich hierher gekommen“, sagt Bürkner. Ihre Eindrücke: „Ich habe mir das alles viel plastischer vorgestellt. Vor allem hätte ich mir mehr Informationen darüber gewünscht, wie die Leichen und Organe plastiniert werden.“

Der Veranstalter, die Ludwigsburger Agentur Eventstifter GmbH, hat mehr als 40 000 Besucher der Ende Juni angelaufenen Ausstellung nach ihrem Wohnort gefragt. Das Ergebnis: Nur etwas mehr als 20 Prozent kommen aus Ludwigsburg und Umgebung, rund 30 Prozent aus der Region Stuttgart. Immerhin fast sieben Prozent wohnen im restlichen Bundesgebiet, bei etwas weniger als einem Prozent handelt es sich um internationale Gäste. Michael Scholz, Geschäftsführer von Eventstifter, zieht ein ausgesprochen positives Fazit der Ausstellung, mit der sein Unternehmen auch ein großes finanzielles Risiko eingegangen ist. Zu Beginn der Körperwelten hatte Scholz auf 150 000 Besucher gehofft. Tatsächlich sind es mehr als 200 000 geworden, bis zu 4800 an einem einzigen Tag – ein solcher Andrang herrschte in der Halle seit deren Eröffnung nur selten.

„Die Arena hatte bislang rund 500 000 Besucher. Dazu haben wir mit den Körperwelten einen erheblichen Teil beigesteuert“, sagt der Geschäftsführer nicht ohne Stolz. Auch über eine Verlängerung der Ausstellung habe man nachgedacht, diese Möglichkeit wegen der beginnenden Basketball-Saison und Wartungsarbeiten aber wieder verworfen.

Auch Marita Räke aus Filderstadt und Klaus Gädtke aus Stuttgart haben die Körperwelten besucht. Räke ist begeistert. „Ich habe sehr viel über Krankheiten erfahren und darüber, wie ein Körper aufgebaut ist.“ Allerdings äußert sie auch Kritik, speziell an der Figurengruppe „Die Pokerrunde“, die auch in dem James-Bond-Film „Casino Royale“ zu sehen war und drei um einen Tisch angeordnete Leichen beim fröhlichen Zocken zeigt. „Ich finde es nicht in Ordnung, so was mit toten Menschen zu machen.“ Ihr Begleiter ist anderer Ansicht. „So sehen Menschen nun mal aus. Meiner Meinung nach ist die Ausstellung seriös und informativ.“

Die Körperwelten polarisieren. Das ist nicht nur in Ludwigsburg so, sondern wohl in allen Ländern und Städten, in denen Gunther von Hagens’ Plastinate bisher zu sehen waren.

Manchen Besucher drängen die Exponate auch zur Auseinandersetzung mit existenziellen Fragen. Desislava Reichert zum Beispiel, die mit ihrer Tochter in die Arena gekommen ist. „Man erfährt hier viel darüber, wie so ein komplexes System wie der menschliche Körper funktioniert. Es ist auch für Kinder sehr wichtig, das zu verstehen“, sagt die Ludwigsburgerin. Sie hat sich die Ausstellung aufmerksam angeschaut. „Als ich die Körper und Organe gesehen habe, habe ich mich gefragt, ob die menschliche Existenz von einer höheren Kraft gesteuert wird. Ob der Mensch vielleicht doch eine Seele hat.“

Frank Klein
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