31.08.2012

Mit Checkliste auf allen Linien unterwegs

Mit der Checkliste in der Hand geht es zur Haltestelle am Rathaus. Der 71-jährige Diethard Erbslöh fährt mit der Linie 422 Richtung Pflugfelden. Mit dabei ist die 70-jährige Rollstuhlfahrerin Elke Mayer. Die beiden Senioren sind nicht zum Vergnügen unterwegs. Sie nehmen Bushaltestellen, Busse und Fahrer unter die Lupe. Die Ergebnisse wollen sie mit dem Busunternehmen diskutieren.

Selbstständig: Dank der Rampe kann Elke Mayer ganz einfach und ohne fremde Hilfe zusteigen.

Werden die Haltestellen richtig angefahren? Funktioniert die Ansage? Gelangen Rollstuhlfahrer ohne Probleme in den Bus? Wochenlang sind Diethard Erbslöh und seine Mitstreiter der ÖPNV-Arbeitsgruppe die Ludwigsburger Buslinien rauf- und runtergefahren. Die Idee ist aus der Seniorenkonferenz hervorgegangen. „Viele Senioren haben Schwierigkeiten mit dem Busfahren. Wir haben uns gefragt, was kann man machen, um den Kummer zu beseitigen“, so Erbslöh.

Das Ziel der Arbeitsgruppe: Busfahren in Ludwigsburg für Senioren angenehmer machen. Sechs motivierte Ehrenamtliche haben sich im Seniorenbüro zusammengefunden und eine Checkliste erarbeitet. Ein Teilnehmer ist blind, zwei sitzen im Rollstuhl – ein Erfahrungsschatz, der in den Bewertungsbogen eingeflossen ist. Kommt der Bus pünktlich? Fährt er nah genug an die Bordsteinkante? Was für die meisten Fahrgäste kein Problem ist, kann für Gehbehinderte bereits zur ersten Hürde werden. „Für Ältere ist es sehr wichtig, dass der Bus die Haltestellen exakt anfährt“, sagt der rüstige Ruheständler. Mit der 422 gibt es am Rathaus keine Probleme. Der Busfahrer fährt die Rampe aus, Elke Mayer gelangt mit ihrem Rollstuhl ohne weiteres in den Bus.

„Wir wollen keinen Busfahrer anschwärzen“, betont Diethard Erbslöh auf der Fahrt nach Pflugfelden. Er will daran mitwirken, dass die Situation für Senioren im öffentlichen Personennahverkehr angenehmer wird. Selbst ist er sonst nur gelegentlich Bus gefahren. Für Elke Mayer ist es ebenfalls eine neue Erfahrung. „Ich versuche, solange es geht, unabhängig zu bleiben“, sagt die Seniorin, deren Auto rollstuhlgerecht umgebaut ist. „Aber es wird die Zeit kommen, wo ich es nicht mehr kann.“ Von anderen Rollstuhlfahrern hat sie schon viel Negatives gehört. Bekannte seien mit ihrem Rollstuhl schon stehengelassen worden. Vor allem fürchten ihre Bekannten abruptes Anfahren und Bremsen. „Meine Frau ist in diesem Jahr gegen eine Haltestange geschleudert worden“, berichtet Erbslöh. Ein schmerzhaftes Hämatom sei die Folge gewesen. Elke Meyer und Diethard Erbslöh haben sicher ihre Plätze eingenommen. Der Bus fährt los Richtung Pflugfelden. Mit dem Fahrstil sind die beiden Tester zufrieden. „Er ist nicht scharf um die Kurve gefahren. Dort, wo es gerumpelt hat, konnte er nichts dafür“, so das Urteil von Erbslöh.

Der Bus fährt in Richtung Friedenstraße. Jedoch: Die Namen der Bushaltestellen werden nicht angesagt. Ein Problem, wenn das Sehvermögen nachlässt, der Orientierungssinn nicht mehr so gut ist. „Die Busse haben eine tolle Technik. Sie muss nur funktionieren und richtig angewendet werden“, so Erbslöh. Der Bus ist nicht besonders voll, die Senioren die in Pflugfelden zusteigen, haben keine Probleme, einen Platz zu finden. Das sei längst nicht immer so. „Die jungen Leute stehen einfach nicht mehr auf“, darüber kann sich Erbslöh wirklich ärgern. „Wenn man sie anspricht, sind sie gar nicht unwillig und stehen auf. Nur von selbst kommen sie eben nicht drauf.“

In Pflugfelden angekommen holt Erbslöh die Checkliste raus. Fast nur gute Noten gibt es für diese Tour. Mit dem nächsten Bus und den Ergebnissen im Gepäck geht es zurück zum Rathaus. Doch dort endet die Fahrt unschön. Die Rampe des Busses lässt sich plötzlich nicht ausfahren. Mehrere Versuche schlagen fehl. „Dann müssen Sie eben ohne Rampe rauskommen“, ruft der Fahrer scheinbar unbeteiligt von vorne. Diethard Erbslöh muss den Rollstuhl aus dem Bus bugsieren. Elke Mayer kann über das Verhalten des Fahrers nur den Kopf schütteln: „Viele Menschen denken einfach nicht daran, dass sie selbst auch mal alt werden.“

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