


Erdmannhausen. „Sie erleben hier eine Weltpremiere“, sagte der bayerische Unternehmensberater Wolfgang Gröll. Kein Wunder also, dass die Bürgerversammlung von einem TV-Team begleitet wurde. Der SWR will eine einstündige Dokumentation über die Geburt dieser neuen Ladenstruktur senden.
Gröll hat sich dabei auf die Nahversorgung, das sogenannte „Kleinflächenmanagement“ konzentriert. Mit den neuen Drehpunkt-Märkten erhalten nun ehemalige Schleckerfrauen neue Perspektiven. Dass auch kleine Geschäfte funktionieren, hat Gröll mit seinem mehrfach ausgezeichneten und prämierten Dorfladenkonzept in Bayern bewiesen, jetzt will er einen weiteren Coup landen. Die Erdmannhäuser Bürger, die als Erste einen Drehpunkt-Markt erhalten, hörten jedenfalls interessiert zu. Der Saal in der Halle auf der Schray war dicht besetzt, als Gröll und Christina Frank von der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi das neue Konzept vorstellten. Zwar tragen die ehemaligen Schleckerfrauen Karin Meinerz, Bettina Meeh und Annemarie Keller das unternehmerische Risiko, sie werden aber vom eigens gegründeten Verein „Institut zur Förderung der Nahversorgung“ intensiv beraten sowie unterstützt. Das Vereinskonstrukt wurde gewählt, um einen schnellen Start zu ermöglichen. Die ursprüngliche Idee, die ehemalige Schlecker-Filiale als Genossenschaft weiterzuführen, soll zunächst nicht umgesetzt werden.
Kunden können durch den Erwerb von Stützlis genannten Wertmünzen zu 50 beziehungsweise 100 Euro ihren Markt in der schwierigen Anlaufphase unterstützen. Es handelt sich also um ein zinsloses Darlehen, mit dem ab 2015 in den Drehpunkt-Märkten eingekauft werden kann. „Der Stützli erleichtert die Identifikation mit dem Laden“, meinte ein Bürger. Das finanzielle Risiko für den Einzelnen bezeichnete ein anderer als überschaubar. Die Reaktionen des Publikums waren aber noch verhalten.
Der neue Drehpunkt-Markt scheint aber die einzige Möglichkeit zu sein, die innerörtliche Nahversorgung wieder zu komplettieren. Die Schlecker-Insolvenz hat nämlich eine große Lücke gerissen, alle Produkte des täglichen Bedarfs konnten bislang in der Ortsmitte gekauft werden und das wurde von den Kunden auch honoriert.
Christina Frank von Verdi warnte davor, das Aus eines Geschäfts tatenlos hinzunehmen. Wer im Ort keine Drogerieartikel mehr kaufen könne, fahre in den nächsten großen Einkaufsmarkt und erledige dort auch gleich alles andere. Das bedeute also Kaufkraftverluste für den örtlichen Lebensmittelmarkt, den Bäcker und den Metzger. Obwohl der Erdmannhäuser Schlecker-Markt zu den 100 umsatzstärksten im Land gehörte, hatten die großen Drogerieketten kein Interesse, sich hier zu engagieren, berichtete Christina Frank.
So reifte nun die Idee, neue Wege zu gehen. Laut Wolfgang Gröll war es dabei zunächst nicht einfach, einen Großhändler zu finden, da im Drogeriebereich entsprechende Strukturen fehlen. Doch die logistische Vorarbeit ist nun getan und die Betreiberinnen richten jetzt ihren Laden ein. Sie wollen ihn bereits Ende Oktober eröffnen. Ihr Kapital: persönliche Atmosphäre sowie preislich attraktive Produkte. „Bei Schlecker habe ich aus Prinzip nie eingekauft, zu Ihnen komme ich“, sagte ein Bürger spontan zu den drei Drehpunkt-Frauen. Bürgermeisterin Birgit Hannemann zeigte sich optimistisch, dass der Laden zum Erfolg wird und sich viele finanziell beteiligen.
„Wir sind froh über diese Initiative und freuen uns auf das, was kommt“, sagte Hannemann. Die Bürgermeisterin regte außerdem an, auch Stützlis im Wert von zehn Euro zu prägen, die dann verschenkt werden könnten. Es handelt sich dabei um einen Vorschlag aus dem Gemeinderat. Die Einführung einer solchen Wertmünze wird nun geprüft.
Info: Anträge zum Stützli-Erwerb sowie entsprechende Infoblätter liegen im Rathaus aus.






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