
Rätselraten um Leibrechts Rückzug

Warum – das ließ der Vorsitzende der FDP-Landesgruppe im Bundestag und Koordinator der Bundesregierung für transatlantische Zusammenarbeit in einer dürren Mitteilung offen, die gestern zeitgleich an Parteibasis und Presse ging. Nur, dass er sich die Entscheidung „reiflich“ überlegt und „nicht leicht gemacht“ habe, gibt der 50-Jährige darin kund. Und: Er werde „zurück in die Wirtschaft“ gehen und sich wieder stärker in sein Unternehmen – die in Kleiningersheim beheimatete Schiller International University – „einbringen“. Nachfragen in Leibrechts Bürgerbüro machten nicht klüger: Der Abgeordnete sei verreist und nicht zu erreichen, sagte seine Referentin Katinka Marx. Vergebliche Versuche, ihn ans Handy zu bekommen, bestätigten sie.
Auch die meisten Freidemokraten im Kreis hat die Ankündigung von Leibrechts Rückzug aus der Politik auf dem falschen Fuß erwischt. Der komme für ihn überraschend, über die Gründe könne er nur rätseln, sagt etwa der Besigheimer FDP-Ortsvorsitzende Joachim Fuchs. Ähnlich geht es Dr. Georg Mehrle, FDP-Fraktionschef in Bietigheim-Bissingens Gemeinderat. Der glaubt nun immerhin eine Erklärung dafür zu haben, warum der Schaukasten seiner Partei in der Bietigheimer Bahnhofsunterführung seit Monaten unbestückt ist.
Alexander Deicke, FDP-Kandidat im Nachbar-Wahlkreis Ludwigsburg, vermutet, dass Leibrecht sich keinen sicheren Listenplatz mehr versprach: Im Bezirksverband Stuttgart gebe es derzeit „viel Bewegung“. Tatsächlich dürfte die Südwest-FDP 2013 etliche ihrer momentan 15 Mandate einbüßen – auf Platz sieben der Landesliste sollte man es schon schaffen, um halbwegs beruhigt antreten zu können, fürchten auch erfahrene Freidemokraten. Leibrecht stand 2009 noch auf Listenplatz vier – vor seinen drängelnden jüngeren Kollegen aus dem Bezirk, etwa dessen Vorsitzendem Hartfrid Wolff (Waiblingen) und seinem Vize Florian Toncar (Böblingen). Die Nürtinger Abgeordnete Judith Skudelny wechselt gar den Wahlkreis und tritt in Stuttgart an, um im Gerangel um die Listenplätze zwei Kreisverbände – Esslingen und Stuttgart – hinter sich zu wissen.
„Vielleicht hatte er keine Lust mehr auf Listenkämpfe“, meint auch Johann Heer, ein alter FDP-Fahrensmann aus Ludwigsburg – nur um im gleichen Atemzug hinzuzufügen, dass der Kreisverband Ludwigsburg stark genug gewesen wäre, um seinen Vorsitzenden Leibrecht erneut so gut wie möglich abzusichern. Das sagt auch Fortunato Bergamotto, der wie Leibrecht in Ingersheim wohnt und dem größten FDP-Ortsverband im Wahlkreis, nämlich Freiberg/Pleidelsheim/Ingersheim, vorsteht. „Man hätte auch um einen guten Listenplatz kämpfen können“, findet er – Leibrecht selbst schlug 2002, vor seinem ersten Einzug in den Bundestag, sogar den vormaligen Wirtschaftsminister Helmut Hausmann aus dem Feld.
Bergamotto meint, nach einem Gespräch mit Leibrecht auch die wahren Motive für dessen Rückzug zu kennen, will sie aus Loyalität aber nicht preisgeben. Er respektiere Leibrechts Entscheidung persönlich, politisch aber hätte er sich „ein anderes Prozedere“ gewünscht. Und eine klarere Stellungnahme: „Jetzt beginnen die Spekulationen“, sagt Bergamotto. Sein Bietigheimer Parteifreund Mehrle seufzt: „Leichter wird ein ohnehin schwieriger Wahlkampf dadurch nicht“ – und befürchtet den Verlust des Mandats. Von einst drei bliebe am Ende nur ein Abgeordneter im Wahlkreis Neckar-Zaber übrig.
Wer für Leibrecht in die Bresche springen soll, war gestern völlig offen. Die FDP wird ihren neuen Wahlkreis-Kandidaten am 13. September nominieren.