LUDWIGSBURG | 14. August 2008

Rätselraten um den Mohr und das Mädchen

Die reizvolle Zweiergruppe einer Magd mit Einkaufskorb, die von einem märchenhaft gekleideten schwarzhäutigen Mann umworben wird, hat von jeher zu Interpretationen eingeladen. Bis heute gibt es keine ganz eindeutige Erklärung für dieses ungewöhnliche Porzellan-Paar.

Peter Frankenstein/Hendrik Zwietasch, Landesmuseum Württemberg

Zuletzt schrieb in diesem Frühjahr im Katalog zur Kölner Ausstellung „Glanz des Rokoko. Ludwigsburger Porzellan aus der Sammlung Jansen“ der Sammler selbst zu seinem Exemplar der Gruppe: „Wird der Angriff auf die Magd für den aufdringlichen Mohren von Erfolg gekrönt sein? ... So war vermutlich eine Magd am Hofe dem Charme eines Mohren erlegen, worüber sich die Hofgesellschaft lustig machte . . .“.
„Mohren“, wie Schwarzafrikaner im 18. Jahrhundert ganz wertfrei genannt wurden, waren im Hofstaat europäischer Fürsten sehr geschätzt. Einerseits zeugten sie von deren weitreichenden Beziehungen, andererseits hatten sie dekorative Funktion. In exotische Kleider gehüllt, die ihr fremdartiges Aussehen noch unterstrichen, beschäftigte man sie als Pauker oder Trompeter (ein hoch angesehenes Amt) oder sie dienten als sogenannte Kammermohren in unmittelbarer Umgebung der Fürstenfamilie.
Auch die Herzöge von Württemberg schmückten sich mit Kammermohren, von denen für das 18. Jahrhundert einige bezeugt und namentlich bekannt sind. Des weiteren standen sogenannte Kammertürken in herzoglichem Dienst, die jedoch anderer Herkunft sein konnten und lediglich nach türkischer Art gekleidet waren.
Welch großen Wert man am Hof auf ein prächtiges Aussehen dieser Exoten legte, geht aus dem Ausgabenbuch hervor, das während Herzog Carl Eugens dritter Italienreise 1766/1767 geführt wurde. In Venedig erhielten die beiden Kammertürken kostspielige Kleider und dazu rote Lederstiefeletten. Für einen neuen „Bund“, den Turban, zur Staats-Livrée des Kammermohren Joseppo Pietro delli Santo Belli gab man mehr als 50 Gulden aus. Diese Summe entsprach etwa zwei Monatsgehältern des Bossierers Johann Christoph Haselmeyer, dem die Porzellangruppe zuzuschreiben ist.
Besagter Kammermohr Joseppo Pietro delli Santo Belli war mit einer Württembergerin namens Katharina Dorothea verheiratet. 1764 hatte das Ehepaar den kleinen Mohren Heinrich in Pflege genommen, einen Kindersklaven aus Surinam, den Herzog Carl Eugen als Geschenk erhalten hatte. Vielleicht sind in der Porzellangruppe Joseppo Pietro delli Santo Belli und seine Ehefrau wiedergegeben. Dies würde auch die besitzergreifende Geste erklären, mit der der Kammermohr das Handgelenk der jungen Frau umgreift.
Die etwa 1760–1765 in der Ludwigsburger Porzellanmanufaktur entstandene Zweiergruppe ist im Keramikmuseum in Schloss Ludwigsburg zu besichtigen.

Sabine Hesse
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