
Sozialverbände wittern Chance

Das Mädchen ist kaum ansprechbar. Zuerst sitzt es apathisch im Unterricht, dann bricht die Jugendliche fast zusammen. Tagtäglich gibt es solche Vorfälle an Schulen. Oben erwähntes Beispiel hat vor zwei Tagen an der Justinus-Kerner-Werkrealschule stattgefunden, berichtet die Schulleiterin Gabriele Bullinger.
Lehrer sind mit solchen Situationen meist überfordert. Oft, so wie auch im Fall des Mädchens, haben die Probleme, haben die Verzweiflung oder der Kummer gar nichts mit der Schule zu tun, sondern mit der Familie oder dem Umfeld der Kinder und Jugendlichen.
In diesen Fällen kommt dann der Schulsozialarbeiter zum Zug – soweit es an der Schule einen gibt. Seine Aufgabe: Gespräche mit dem Jugendlichen, Vertrauen aufbauen, nach Lösungen suchen. Dazu kann auch ein Gespräch mit den Eltern oder der Gang zum Jugendamt gehören.
Bislang sind in Ludwigsburg vor allem Schulen mit hohem Migrantenanteil und vielen Kindern aus sozial schwachen Familien mit Sozialarbeitern ausgestattet. Mehr und mehr ist man in den vergangenen Jahren aber zu der Überzeugung gekommen, dass prinzipiell jede Schule einen Sozialarbeiter brauchen könnte. So melden mittlerweile auch Gymnasien Bedarf an und Bund und Land sind auch bereit, diesen Ausbau mitzufinanzieren.
„Die Schulsozialarbeit rückt immer stärker in den Fokus“, sagt Hendrik Rook, Leiter der Caritas Ludwigsburg-Waiblingen-Enz und Vorsitzender der Liga der Freien Wohlfahrtsverbände im Kreis. Die Verbände sehen daher eine große Chance, ihr Engagement in diesem Bereich auszubauen. Schon vor einigen Jahren haben sie eine Initiative gestartet, um auf ihre Angebote hinzuweisen. Und auch jetzt stellen sie ihr Anliegen wieder gemeinsam vor.
Bislang wird ein Großteil der Stellen in der Schulsozialarbeit von den Kommunen selbst besetzt und nicht an die Freien Träger vergeben. 2011 gab es im Landkreis 53 Stellen für Sozialarbeiter, etwa ein Drittel davon dürfte bei den Freien Trägern verankert sein. Im Kreis engagieren sich auf diesem Feld die Caritas, das CVJM, das Rote Kreuz, die Evangelische Jugendhilfe, das Jugenddorf Schloss Kaltenstein in Vaihingen und der Diakonieverband.
Als Vorbild gilt den Wohlfahrtsverbänden die Stadt Ludwigsburg. Hier sind heute schon alle 9,5 Stellen in der Schulsozialarbeit an die Freien Träger vergeben. Erst am vergangenen Mittwoch wurden im Sozialausschuss zwei 50-Prozent-Stellen (eine auf dem Grundschulcampus, eine an der Schubartschule) an den Kreisdiakonieverband und die Caritas vergeben.
Laut Schulleiterin Gabriele Bullinger hat die Zusammenarbeit mit Freien Trägern erhebliche Vorteile. An der Justinus-Kerner-Schule arbeiten mittlerweile sogar zwei Sozialarbeiter (Kirsten Scheel vom CVJM und Florian Wörz vom DRK). „Die Zusammenarbeit hat sich bewährt“, sagt Bullinger. Vor allem die Synergien, die in der Zusammenarbeit mit den Freien Trägern entstehen, überzeugen sie. Denn DRK und CVJM haben eine ganze Reihe weiterer Angebote, vom Mittagstisch, über einen Schulsanitäter-Kurs bis hin zu Betreuungsangeboten am Nachmittag. Und über die Sozialarbeiter ist die Schule direkt mit den Freien Trägern und ihrem Angebot verbunden und kann von deren sozialem Netzwerk profitieren.
Zudem würden diese Sozialarbeiter aufgrund ihrer Herkunft aus einem Sozialverband über ein großes Hintergrundwissen, was die Arbeit mit Eltern und Unterstützungsangebote wie Erziehungshilfen anbelange, verfügen, so Claudia Obele, von der Evangelischen Jugendhilfe Hochdorf.
Auch Nachwuchssorgen gibt es in diesem Sektor, laut Christoph Kaup von der Caritas, trotz Fachkräftemangel bislang keine. „Wir können alle Stellen besetzen“. Die Kommunen hätten hingegen schon Probleme, gute Sozialarbeiter zu finden, so Kaup.