03. November 2009

Unter Hunden

Bye guys, ruft Milla, write me on facebook, okay?
Die beiden lachen und winken, während sie ihre Rucksäcke ins Gepäckfach des Busses heben. Sebastián wirft ihr ein letztes breites Grinsen zu. Aber das sieht Milla schon nicht mehr, weil sie mir die Hand auf die Schulter gelegt hat und mich mit sich zieht, zurück zum Hostel.
Jetzt nehmen wir noch eine kleine Dusche und dann müssen wir auch los.

Milla duscht immer ewig. Ich liege im Zimmer auf dem Bett und warte auf sie. Ich frage mich wirklich, was sie jedes Mal so lange macht, aber irgendwie kann ich sie mir nicht vorstellen, mit den Händen da unten, außerdem war sie letzte Nacht in Sebastiáns Zimmer, ich habe es genau gehört.
Sie hat wohl gedacht, dass ich schon schlafe, aber selbst wenn das so gewesen wäre, hätte ich aufwachen müssen, so laut hat das Stockbett geknarrt, als sie nach unten geklettert ist. Sie hätte eben nicht oben schlafen dürfen, ich habe sie ja sogar gefragt, als wir angekommen sind. Sie hatte nur ihre Unterwäsche an, als sie raus gegangen ist, darüber ein T-Shirt. Die Wände sind hier sehr dünn.

Milla kommt wieder rein, ein Handtuch um ihren Kopf geschlungen, ein paar Tropfenspuren auf ihrem grünen T-Shirt. Sie scheint zu frieren, ihre Brustwarzen zeichnen sich unter dem Stoff ab. Geh duschen, Lina, sie wühlt in ihrem Rucksack nach dem Fön, wir haben nicht mehr viel Zeit. Ich bleibe liegen.
Ich habe heute Morgen geduscht. Da hast du noch geschlafen.
Milla dreht sich um. Ich erwidere ihren forschenden Blick. Aber da hat sie sich schon wieder umgedreht.
Also gut, wie du meinst, und sie schaltet den Föhn ein.

Am Busbahnhof ist jetzt viel mehr los als heute Morgen. Milla kauft zwei Empanadas und eine Flasche Wasser und dann steigen wir ein. Wir sitzen ganz vorn. Milla verstaut unsere Jacken auf der Ablage über den Sitzen und die Empanadas und die Flasche im Gepäcknetz vor uns.
Durch die staubige Frontscheibe des Busses können wir die Straße sehen und die bläulichen Bergketten am Horizont. Milla sitzt neben mir und lächelt mich an. Sie riecht gut und frisch. Ihr Haar ist noch ein wenig feucht. Wenn ich nach links schaue, kann ich ihre Brüste im Ausschnitt ihres T-Shirts erahnen, den kleinen Schatten dazwischen. Am Straßenrand zieht ein toter Hund vorbei, er liegt auf der Seite, die Beine von sich gestreckt. Milla legt ihre Hand auf meine.

Auf dieser Fahrt aßen wir die beiden Empanadas zusammen, abwechselnd biss erst sie, dann ich davon ab, und wir tranken aus derselben Wasserflasche. Der Bus fuhr lange Zeit geradeaus, links von uns zog sich der Ozean als schimmerndes Band entlang, während die Sonne sank. Die Landschaft, die auf der anderen Seite vorbeizog, wurde hügeliger und karger, statt der üppigen grünen Sträucher krallten sich Kakteen in die staubige Erde. Gegen den dunkler werdenden Himmel hoben sie sich ab wie gekrümmte Finger. Milla legte sich quer über mich, um mit ihrer Digitalkamera durch das Busfenster hindurch zu fotografieren. Sie schimpfte leise, wenn das Bild unscharf war.

Als wir in La Serena ankommen, ist es Nacht. Milla steht auf und beginnt, unsere Sachen zusammen zu suchen, im Bus entsteht ein Gedränge, ein Baby weint. Ein paar Hunde trollen sich vor dem Scheinwerferlicht, als der Bus in den Busbahnhof einbiegt. Milla gibt mir ihre Gepäckmarke: Du holst die Rucksäcke, ich suche ein Taxi.

Wieder ist es Milla, die spricht. Sie verhandelt mit dem Mädchen an der Rezeption und bekommt den Zimmerschlüssel. Eine Anzahlung sollen wir machen, für die erste Nacht. Während ich noch in meiner Hosentasche nach Pesoscheinen taste, hat Milla schon ihren Geldbeutel geöffnet.
Lass, ich mach schon. Das rechnen wir später ab. Bring lieber schon mal die Rucksäcke ins Zimmer. Hier ist der Schlüssel.

Ich überlege noch, ob ich auspacken soll, als Milla ins Zimmer kommt.
Ich werd noch schnell duschen.
Du hast doch heute Morgen geduscht, sage ich.
Na und. Wir sind jetzt so lange im Bus gesessen, ich fühle mich stinkig.
Sie bückt sich und beginnt, die Bänder ihres Rucksacks zu lösen.
Ach ja, ich habe für uns gleich die Tour für morgen gebucht, zu dieser Insel mit den Pinguinen. Isla Damas. Morgen früh um acht geht’s los. Du schuldest mir dann 25000 Pesos.
Sie dreht sich halb zu mir um.
War doch okay? Du wolltest da ja hin, oder?
Ich nicke.
Gut. Dann geh ich jetzt duschen. Du kannst ruhig schon mal schlafen gehen, wenn du müde bist. Ich bin ganz leise.

Natürlich schlafe ich noch nicht, als Milla von den Duschen zurückkommt. Ich verfolge ihre Bewegungen im Dunkeln, ohne den Kopf vom Kissen zu heben. Sie breitet ihr Handtuch über den Stuhl, stellt ihr Shampoo auf den Tisch, zieht sich das T-Shirt über den Kopf. Ihr muss klar sein, dass ich noch wach bin, denn sie zieht nicht wie sonst ein T-Shirt zum Schlafen an, sondern kommt in ihrer Unterwäsche zum Bett. Sie hebt die Decke an und legt sich neben mich. Ich bewege mich nicht. Sie tastet unter der Bettdecke nach mir, doch ich drehe mich weg von ihr, zur Wand. Dass sie so schnell aufgibt, macht mich noch wütender.

Am nächsten Morgen weckt sie mich.
Steh auf, wir haben schon fast halb acht, du musst dich fertigmachen, wir müssen noch frühstücken und um acht geht die Tour los.
Sie sitzt auf dem Bettrand, auf ihrer Seite, fertig angezogen und gekämmt und raucht eine Zigarette. Der Rauch zieht zu mir herüber, steigt mir in die Nase. Ich nehme den Kleiderhaufen, der auf meinem Rucksack liegt und gehe zum Bad.
Im Bus sitzen wir hinter einem Schweizer Pärchen aus unserem Hostel. Daniel und Tamara tragen Outdoorjacken von derselben Marke, sie in rot, er in blau. Milla streckt ihnen die Hand hin und stellt sich vor. Ich schaue aus dem Fenster. Der Bus fährt an.
Milla redet mit Daniel, ich höre sie lachen, es ist dasselbe Lachen wie beim letzten Mal. Und bist du ganz allein unterwegs, fragt Daniel und Milla sagt: Nein, mit meiner Freundin hier. Mit Lina.
Ach, sagt er, ich wusste gar nicht, dass ihr zusammengehört.
Wir haben die Stadt hinter uns gelassen. Die Kakteenlandschaft beginnt.

Später stehen wir an einem namenlosen Strand, am Horizont ragen die Felsen von Isla Damas in den Himmel und ein Mann schleift ein Holzboot über den Sand ans Ufer. Der Führer verteilt Schwimmwesten und hilft uns ins Boot. Ich stolpere, als ich hinein klettere. Milla streckt mir die Hand entgegen. Daniel sitzt neben ihr und Milla sagt: Natürlich können wir mal weggehen, wäre schön. Hätte ich schon längst gemacht, wenn Lina nicht immer dagegen wäre, oder, Lina?
Der Sand ist so weiß, dass mir die Augen brennen. Meine Sonnenbrille habe ich im Hostel vergessen.

Wir sehen keinen einzigen Pinguin, obwohl das Boot die Insel mehrmals umkreist. Unter einer nach Fisch stinkenden, vom Salzwasser weißgefärbten Plastikplane werden Milla und ich von den Wellenstößen aneinandergeschubst. Niemand von uns wehrt sich dagegen.

Am Strand haben wir noch eine Viertelstunde Zeit. Der Führer lehnt am Bus und raucht, Tamara fotografiert Daniel ein paar Schritte entfernt auf einem Felsen stehend. Milla bleibt neben mir stehen. Sie ist wieder einmal schön, auf eine bedrückend unaufwendige Weise. Ich denke, dass sie an keinen anderen Ort der Welt besser passt als an diesen Pazifikstrand, mit ihren Halsketten, dem blonden Kurzhaarschnitt und diesem billigen Hippiehemdchen. Ich komme mir fehl am Platz vor mit meiner Fleecejacke, die ich mir um die Hüften gebunden habe. Milla schweigt eine Weile, dann sagt sie: Das mit Sebastián tut mir Leid. Wirklich, ich hab das nicht gewollt. Du musst mir das glauben.

Auf der Rückfahrt liegt Millas Kopf an meiner Schulter und als der Führer hält, um uns Blumen fotografieren zu lassen, steigen wir nicht mit aus. Daniel hat ein paar Mal hergeschaut und nichts gesagt. Meine Hand berührt ihr Knie, die Sonne steht schon tief und das Autoradio rauscht, wenn der Bus durch ein Schlagloch fährt. Als Nächstes fahren wir nach San Pedro de Atacama, sagt Milla zu mir, da wolltest du doch unbedingt hin.

Als der Führer an unserem Hostel hält, ist es schon fast wieder dämmerig. Wir gehen zum Supermarkt, sagt Tamara, sollen wir euch was mitbringen? Nein danke, sagt Milla, und Daniel sagt zu Tamara: Geh du mal alleine, Schatz. Ich bin ziemlich kaputt.

Ich würde sagen, wir machen uns heute einen gemütlichen Abend, sagt Milla. Sie setzt sich neben mich auf die Bettkante, greift nach meiner Hand. Wolltest du nicht ausgehen, frage ich.
Wieso, wann habe ich das gesagt?
Im Boot. Zu Daniel.
Ach so. Na, das können wir ja morgen auch noch. Ich würde sagen, heute Abend haben wir was anderes vor.
Sie lächelt mich an und steht wieder auf.
Ich will nur erst noch kurz duschen. Ich hab überall Sand vom Strand an mir. Aber du kannst uns doch schon mal einen Tee machen, ich beeile mich.

Die Küche liegt direkt neben den Duschen. Während ich das Wasser für den Tee aufsetze, kann ich das Wasser plätschern hören. Und Daniels Stimme, gerade laut genug.
Dann fährst du also nicht nach San Pedro?
Millas Lachen. Na, ich hoffe, ich kann ihr klarmachen, dass ich da nicht hin will. Mal ehrlich, Wüsten sind doch überschätzt, oder? Ein Haufen Sand, sonst nichts.
Daniel stimmt in das Lachen ein. Und was ist mit heute Abend? Willst du jetzt ausgehen oder nicht?
Klar, warum nicht? Sagen wir, wir treffen uns um zehn draußen.

Milla schläft noch, als ich anfange zu packen. Sie wacht auch nicht auf, als ich aus Versehen ans Bett stoße. Ich will kein Licht machen, um sie nicht aufzuwecken. Im Dunkeln taste ich noch einmal über den Boden, kontrolliere, ob ich nichts vergessen habe. Dann setze ich den Rucksack auf.
An der Tür drehe ich mich noch mal um, aber Millas Gesicht liegt im Dunkeln. Das Licht vom Gang reicht nicht so weit.

Der erste Bus nach San Pedro fährt um sieben. Ich sitze auf einer Bank und warte, während der helle Streifen im Osten langsam breiter wird. Weit und breit ist nur ein Rudel Hunde zu sehen. Die Tiere liegen ein paar Meter entfernt von mir auf dem Asphalt, die Köpfe zwischen die Pfoten gesteckt, schlafend. Bis einer von ihnen sich regt und sich mit einer federnden Bewegung auf seine gebogenen Beine erhebt. Er trottet ein paar Schritte zur Straße hin und verschwindet in der Dunkelheit.
Jule Sonnentag
Weitere Artikel aus diesem Ressort
Anzeige
Mein Ort
Wählen Sie Ihren Ort
GerlingenDitzingenKorntal-MünchingenHemmingenSchwieberdingenEberdingenVaihingen an der EnzMöglingenLudwigsburgAspergKornwestheimRemseck am NeckarMarkgröningenOberriexingenSersheimTammFreiberg am NeckarBenningenMarbach am NeckarErdmannhausenAffalterbachSteinheim an der MurrMurrPleidelsheimIngersheimBietigheim-BissingenSachsenheimFreudentalLöchgauBesigheimHessigheimMundelsheimGroßbottwarOberstenfeldPrevorstGemmrigheimWalheimErligheimBönnigheimKirchheim am NeckarOttmarsheim
Nachrichten und mehr aus Ihrer Region!
Kinoprogramm
Schnellsuche

Wählen Sie eine oder mehrere der folgenden Suchoptionen aus:

Anzeige