LUDWIGSBURG | 06. Mai 2008

Wie Hund Mischka Kinder tröstet

Wenn Adelheid Herrmann mit ihrem Hund durch die Straßen geht, dann kommt sie meist nicht weit, ehe die ersten Passanten fragen, ob sie ihren Mischka streicheln dürfen. Denn Mischka ist schön: Groß und stattlich setzt er in seinem weichen, dicken Pelzmantel majestätisch eine Pfote vor die andere. Und dann diese Augen: riesengroß, dunkelbraun und seelenvoll.

Bild: Alfred Drossel

„Wenn er ein Mädchen wäre, hätte ich ihn Claudia Schiffer genannt“, flachst die Leiterin des Ludwigsburger Frauenhauses und der Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt beim Verein Frauen für Frauen. „Mit ihm habe ich erlebt, wie schönen Geschöpfen die Herzen zufliegen und wie leicht sie es dadurch haben.“
Dabei ist Mischka alles andere als ein Luxusgeschöpf mit seitenlangem Stammbaum. „Als österreichischen Asylanten, der beinahe irgendeinem Rassenwahn zum Opfer gefallen wäre“, bezeichnet ihn sein Frauchen mit einem liebevoll-ironischen Seitenblick.
Mischkas Mama war nämlich eine Schäferhündin, die ihre Eigentümer in Österreich regelmäßig mit rassereinen Vorzeigewelpen beglückte. Bis eben einmal ein außerplanmäßiger Seitensprung mit einem Berner Sennenhund einen Satz wolliger Welpen zur Folge hatte. Ein Fehltritt, den nur Mischka und seine Schwester überlebt haben. Und das auch nur, weil die Familie Herrmann bereit war, daheim in Waiblingen nach geeigneten Eigentümern für die beiden zu suchen.
Gesagt, getan – mit dem kleinen Unterschied, dass für Adelheid Herrmann „schon auf dem Heimweg auf der Autobahn irgendwie klar war, dass dieses flauschige Knäuel bei uns bleiben wird.“ In Ludwigsburg erwartete Mischka – der russische Name für „Bärchen“ – erst mal eine harte Schule: Der familieneigene Schäferhund – laut Herrmann „ein echtes Alphatier“ – brachte dem Neuling unmissverständlich bei, wie die Dinge unter echten Hunden und im Hause Herrmann zu laufen haben. Hinzu kam das Agility-Training mit Frauchen, eine Hundesportart aus England, bei der Hund und Mensch gemeinsam trainieren und spielerisch zum eingeschworenen Team werden und der Hund auf jede Geste seines Eigentümers zu reagieren lernt.
Aber Adelheid Herrmann hatte noch eine andere Idee: Schon lange hatte sie sich für den erfolgreichen Einsatz von Hunden in der Psychotherapie und Pädagogik interessiert. Nun begann sie mit Mischka zu üben. Ihre Hoffnung: Der Hund sollte vor allem den Kindern, die mit ihren Müttern im Frauenhaus Unterschlupf gefunden haben, ein Freund und Lehrer sein. Mischkas sanftes Wesen schien ideal für diese Aufgabe. Und Adelheid Herrmanns Rechnung ging auf. „Für viele dieser Kinder ist Gewalt im Alltag normal. Mischka hat gelernt, statt zu knurren oder gar zu beißen einfach wegzugehen, wenn ihm die Kinder gar zu arg zusetzen. Weil sie ihn aber im Grunde um sich haben wollen, müssen sie dazu ihr Verhalten ändern“, erklärt Herrmann. Und: „Indem Mischka immer zuallererst auf mich hört, lebt er kleinen Machos vor, dass auch Frauen das Sagen haben können und respektiert werden müssen.“
Wenn ein Kind aber Angst vor dem großen Tier hat, gibt Mischka auf ihre Frage „Bist du der Freund von ...“ seine Riesenpfote. „Die Kinder sind dann ganz glücklich, laufen zu ihren Müttern und erzählen, dass der Hund sie mag – das Eis ist gebrochen“, so Herrmann.
Mischka ist aber auch ein prima Tröster. „Wenn jemand traurig ist, egal ob Kind oder Erwachsener, spürt er das sofort. Er geht dann zu diesem Menschen hin, lehnt seinen Kopf an seinen Fuß oder legt ihn ihm auf den Schoß. Wenn jemand sehr verzweifelt ist und muss dann lächeln, ändert sich die ganze Atmosphäre sofort“, erzählt Adelheid Herrmann.
Zum Ausgleich für all die Anforderungen des Tages gibt’s morgens und abends für beide ausgedehnte Spaziergänge in der Natur, die Mischka wann immer möglich zu einem Bad in einem Fluss oder Tümpel nützt. Mit Mischka an ihrer Seite muss Adelheid Herrmann da auch kein noch so einsames Gelände und keine noch so zwielichtige Gestalt fürchten. Über neun Jahre sind die beiden nun eingespielte Partner. „Er ist mein Schutz“, sagt sie und krault seinen Kopf, „dazu noch ein ehrlicher Freund, der mich nie anlügt, und ein Wesen, das einen nimmt, wie man ist.“


Annette de Cerqueira
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