LUDWIGSBURG | 10. September 2012

Willkommen auf dem Marktplatz der Eitelkeiten

Lkz-Mitarbeiterin Marion Blum schlüpft am Wochenende selbst in ein Kostüm und versteckt ihr Gesicht hinter einer silbernen Maske – Schweißtreibendes Vergnügen

Lkz-Mitarbeiterin Marion Blum (links) ist selbst in ein Kostüm geschlüpft. Ihre Schwester Birgit Blum-Reinhold hat sie begleitet.
Lkz-Mitarbeiterin Marion Blum (links) ist selbst in ein Kostüm geschlüpft. Ihre Schwester Birgit Blum-Reinhold hat sie begleitet.
Foto: Ramona Theiss

Ich fühle mich fast wie Heidi Klum. Mehr als 20 Kameraobjektive sind auf mich gerichtet. Nun ja, nicht direkt auf mich. Mein Gesicht ist verborgen, meine silberne Mondmaske glänzt in der Sonne. Ich spüre den Schweiß auf meiner Stirn. Das Posieren hatte ich vorher nicht geübt. Doch die geballte Aufmerksamkeit und vor allem die Kostümierung machen mich mutig.

Ich hebe meine rechte Hand, die in einem silbernen Handschuh steckt, und strecke meinen Arm aus. So kommen die Falten meines üppigen Gewandes bestimmt besser zur Geltung. Das Klacken der Auslöser gibt mir recht, durch meine Sehschlitze schaue ich auf zufriedene Gesichter. Willkommen auf dem Marktplatz der Eitelkeiten! Mich im Karneval zu verkleiden, das kommt nicht in Frage. Als ich jedoch über einen Kursus berichtete, in dem Frauen sich Kostüme für die Venezianische Messe nähen, da bekam auch ich Lust, mich maskiert ins Getümmel zu stürzen. Sabine Vix vom Verein Arcobaleno lieh mir netterweise zwei Fantasiekostüme. Und weil sie am besten im Doppelpack wirken, überredete ich meine Schwester, bei der Maskerade mitzumachen.

Schwarzes T-Shirt, dunkle Gymnastikhose und drüber die wallenden Gewänder. Schon beim Ankleiden zu Hause bekomme ich einen Schweißausbruch. Doch wer schön sein will, muss leiden. In der Tiefgarage des Rathauses legen wir uns gegenseitig die Mondmasken aus Pappe an. Die Luft wird knapp, vor allem als die üppige Kapuze des Gewandes mit der Maske verknotet wird. „Vom Hals soll nichts mehr zu sehen sein“, hatte Sabine Vix mir aufgetragen. Spätestens als wir die Treppen empor auf den Rathaushof steigen, ist die Verwandlung perfekt. Wir fallen auf, wie die Blicke der Passanten zeigen. Verstohlen blicke ich in ein Schaufenster. Tatsächlich: Ich bin zur Frau im Mond geworden!

Auf dem Marktplatz angekommen nehmen meine Schwester und ich uns an der Hand. Nicht nur, weil das irgendwie netter aussieht. Unter der Maske ist kein Platz für die Brille, und wir sind beide etwas kurzsichtig. Wir richten uns auf, verlangsamen unseren Gang, wir schreiten. Ich nicke einigen Menschen, die uns begegnen, freundlich zu. Automatisch ziehe ich die Mundwinkel nach oben, ein überflüssiger Reflex, denn es sieht ohnehin niemand. Dafür haben die Mondgesichter einen freundlichen, sanften Gesichtsausdruck. Mein Blickfeld ist eingeschränkt, das Pappgesicht etwas verrutscht. „Kopf nach unten“, zischt meine Begleiterin mir zu. Nur wenn ich den Kopf etwas gesenkt halte, guckt der Mond nämlich geradeaus.

Am späten Samstagnachmittag und bei mehr als 30 Grad suchen wir eigentlich den Schatten. Doch in der Sonne kommen die glitzernden Gewänder und die in Silber und Gold glänzenden Masken besonders gut zur Geltung. Ehe wir uns versehen, stehen wir im Mittelpunkt. Zwei oder drei Frauen zücken ihre Kameras. Die Lust am Fotografieren scheint ansteckend zu sein, es werden immer mehr Menschen, die uns ablichten wollen und sogar vor uns in die Hocke gehen. Wir beiden Mondfrauen beschließen, uns anzuschauen. Das kommt an. Die Auslöser der Kameras surren. Ein in die Höhe gereckter Daumen, ein „Danke“, und die erste Fotosession ist vorüber.

Wir gehen weiter Hand in Hand. Vor allem Kinder scheinen die Mondgesichter zu mögen. Einem kleinen blonden Mädchen, das stehen bleibt und vor Verlegenheit in der Nase bohrt, strecke ich meine silberne Hand entgegen. Wie versteinert bleibt die Kleine stehen, sieht aus, als ob sie gleich in Tränen ausbricht. Das wollte ich nun wirklich nicht. Andere Kinder sind cooler, sie winken uns zu, wir winken zurück. „Das sind Herr und Frau Mond“, mutmaßt ein kleiner Junge. In den Mondmasken zeigt sich keine Regung.

Ich entdecke einen Bekannten und berühre seinen Arm. „Wer bist Du?“, fragt er erstaunt. Ich lasse ihn weiter rätseln. Wir schreiten weiter in Richtung Holzmarkt. In der Gasse zwischen den Verkaufsständen herrscht Gedränge. Ich merke, wie mir schwummerig wird. Jetzt die Maske abzunehmen, das kommt nicht in Frage. Ich atme so tief durch, wie es unter der Verkleidung möglich ist, und sehne mich nach einem Schluck Wasser. Eine Gruppe schwarz gekleideter Barock-Punks stiehlt uns die Show. Unsere Pappgesichter lächeln trotzdem. Noch ein Gang über den Marktplatz, dann treten wir den Rückzug an. Nach eineinhalb Stunden sind die beiden Mondfrauen fix und fertig. „Entschuldigung, wo geht’s denn hier zur Messe“, fragt uns ein Mann. Wir zeigen matt in Richtung Marktplatz.

Wenig später kehren wir dorthin zurück, jetzt als ganz normale Frauen. Keine Kameras mehr, niemand scheint uns zu beachten. Für mich steht jetzt schon fest, dass ich in zwei Jahren wieder dabei sein werde. Mal sehen, ob ich es bis dahin schaffe, mir ein Kostüm zu nähen.

Marion Blum
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