
Chronik eines bizarren Rauswurfs

Ludwigsburg. Aus gutem Grund. Die Aufhebung des Vertrages, die der 1. Vorsitzenden der Ludwigsburger Basketballer, Alexander Reil, am 31. August im Rahmen einer Pressekonferenz verkündete, wird demnächst auf juristischem Weg geklärt werden. „Bis dahin möchte ich mich nicht dazu äußern“, sagt Jerry Green, dessen Rauswurf eine bizarre Geschichte voller Widersprüche, Gerüchte und Emotionen ist.
Begonnen hat alles im August 2010. Das zweite Engagement von Jerry Green, der von 2004 bis 2007 die Ludwigsburger in die Play-offs geführt hatte, begann mit einem medizinischen Test. „Schon damals waren seine Werte nicht akzeptabel“, verriet Reil fast genau zwei Jahre später, und lieferte den erstaunten Pressevertretern detaillierte Angaben über die persönlichen Parameter Greens wie Körpergröße, Gewicht und Körperfettdepot gleich dazu.
Trotz der Bedenken ließ sich der Präsident damals dazu hinreißen, Routinier Green mit dem bestdotierten Kontrakt der Vereinsgeschichte anzuwerben. Die Laufzeit des mit pro Spielzeit 130 000 Euro netto vergüteten Engagements betrug drei Jahre, eine im Profi-Basketball unüblich lange Vertragsdauer. Dass der Spielmacher in der ersten Saison aufgrund seiner angeblich nicht akzeptablen Werte die von ihm erwartete Leistung nicht brachte, blieb zumindest den Mitspielern, den Fans und den Medien verborgen.
Zu Beginn der Saison 2011/2012 hatte sich der körperliche Zustand Greens nach einem weiteren Medizincheck laut heutigen Angaben des Vereins verbessert. Doch dann warf den Kapitän am 27. November 2011 ein Bänderriss im Sprunggelenk zurück. „Zwei bis drei Wochen“, so Alexander Reil, hätte der Verein nach Angaben der Ärzte verletzungsbedingt auf Green verzichten müssen. „Warum es dann länger dauerte, können wir nicht beurteilen“, sagt Reil im Nachhinein, ohne die Regenerationszeit des Spielers zu berücksichtigen.
Tatsächlich lief Green am 2. Januer 2012, also fünf Wochen nach seiner Verletzung, gegen Tübingen wieder auf. Das Derby wurde gewonnen, Jerry Green wurde nach dem 80:74 von seinen Fans frenetisch gefeiert. Wenige Tage nach dem Comeback verletzte sich Green erneut. Das Spiel gegen Spitzenreiter Bamberg ging – ohne Green – sang- und klanglos verloren.
Mit Erlaubnis der Vereinsführung verabschiedete sich der US-Boy für einige Tage in seine Heimat, um anschließend umso engagierter anzugreifen. Dann aber setzte der abstiegsgefährdete Club Ende des Monats Green einen neuen Spielmacher vor die Nase: Anthony Fisher.
Ob bereits zu diesem Zeitpunkt unter dem neuen Trainer Steven Key feststand, dass es für den Publikumsliebling keine sportliche Zukunft in Ludwigsburg geben würde, ist heute schwer nachzuweisen. Was in Erinnerung bleibt, sind die vielen offenen Sympathiekundgebungen der Fans für ihren Liebling. Green konnte zwar nicht spielen, war aber stets präsent.
Aus seinem Umfeld ist zu erfahren, dass er durchaus bereit war, für seine Genesung hart zu arbeiten und auch als Back up oder auf andere Weise dem Verein hilfreich zu sein. Doch bis heute hüllen sich nicht nur Green, sondern auch Mitspieler, Fitnesstrainer und behandelnde Ärzte in Schweigen. Hinter vorgehaltener Hand aber wird von Schikane gesprochen.
Dr. Heiko Striegel, dessen Sportinstitut in Stuttgart für die internistischen Gutachten zuständig war, hat Jerry Green nach eigenen Angaben persönlich zwar nicht untersucht. Striegel verweist aber in der Frage der Belastbarkeit auf die Trainer. „Wenn es Schwierigkeiten gibt, dann ist der Fitnesstrainer, nicht der Arzt zuständig“, so Striegel. Für Dr. Christoph Lukas vom Reha-Zentrum Hess in Bietigheim ist die orthopädische Leistungsdiagnostik der Basketballer Routine. Auch er verweist auf seine ärztliche Schweigepflicht. Klar ist aber auch, dass ein Spieler, „der nicht verletzt, aber auch nicht fit ist, dann eben fit gemacht werden muss“, wie ein Insider sagt.
Diese Zeit bekam Green nicht. Anfang Februar setzte der neue Trainer ihm eine Frist von drei Wochen, an seiner Fitness weiter zu arbeiten. Green fand wieder Anschluss. Dann aber kam es Anfang März in Gießen zum „Eklat“, wie Reil berichtet. In einer Auszeit wendete sich Green ab, mit der Schlusssirene vergab er einen „Dreier“ zum möglichen Sieg. „Danach haben wir die Entscheidung pro Mark Dorris getroffen“, verrät Reil, dass er spätestens zu diesem Zeitpunkt nach Alternativen für die einstige Integrationsfigur Green suchte. Nach dem glimpflichen Saisonabschluss kam es zu einem weiteren Gespräch zwischen Green und dem Vorsitzenden, in dem Green unmissverständlich signalisiert wurde, dass er eine „klare Enttäuschung“ (Reil) gewesen sei. Mit dem Hinweis, ein spezielles Trainings- und Fitnessprogramm zu absolvieren, verabschiedete sich der Präsident in die Sommerpause.
Der nächste Medizincheck am 3. Juli brachte das Fass dann offenbar zum Überlaufen. Der Gesamteindruck des Spielers sei „noch schlechter als 2010“, fand Reil in dem Testergebnis den Grund für zwei formale Abmahnungen, verbunden mit dem „Angebot“ (Reil), den Vertrag aufzulösen.
Doch Green lehnte diese Offerte ab. Ein weiterer Medizincheck vom 17. August ergab aus Sicht Reils die bis dahin „schlechtesten Werte“ überhaupt. „Ich habe mich selten so über einen Spieler geärgert“, wetterte der Präsident und warf Green vor, keinerlei Interesse mehr an einer Zukunft in Ludwigsburg gehabt zu haben.
Das Gebaren der Ludwigsburger Vereinsführung hat inzwischen Kreise bis in die Staaten gezogen. Ben Pensack, der Agent Greens, machte seinem Ärger Luft. „Die Wahrheit ist, dass die Kündigung Jerrys nicht mehr als der Versuch ist, den Club aus seiner Verpflichtung, Green zu bezahlen, zu befreien“. Das sei unprofessionell. Er selbst habe ein schriftliches Statement der Ludwigsburger vorliegen, laut dem sich der Spieler in einer „exzellenten Verfassung“ befinde. Pensack bezeichnet das Verhalten der Ludwigsburger als eine Schande und kündigte an, ein Gerichtsverfahren gegen den Ludwigsburger Club einzuleiten.
Vor dem Arbeitsgericht wird vermutlich auch der Fall Jerry Green zu Ende gebracht werden (Infos siehe Interview). Fakt ist, dass die Basketballfans einen ihrer beliebtesten und erfolgreichsten Spieler auf dem Feld für Ludwigsburg wohl nie wieder spielen sehen werden.