20. Oktober 2012

Kadir Tatar – der Gerd Müller aus Murr

Fußballer der deutschen Gehörlosen-Nationalmannschaft traf in 41 Länderspielen 30 Mal – 141 Treffer für den SGV in der Kreisliga A

Techniker und Torjäger: Kadir Tatar.
Techniker und Torjäger: Kadir Tatar.
Foto: Liebert

Murr. Der SGV aus dem 6000-Seelendorf Murr hat einen waschechten Fußball-Weltmeister in seinen Reihen: Kadir Tatar gewann mit der deutschen Gehörlosen-Nationalmannschaft schon den WM-Titel – mit 30 Toren in 41 Länderspielen und 141 Liga-Treffern für den SGV ist er so etwas wie der Gerd Müller Murrs. Nach dem Viertelfinal-Aus bei der WM in der Türkei im Sommer hat der 31-Jährige nun seine internationale Laufbahn beendet.

„Ich habe meine Karriere in der Nationalmannschaft mit schwerem Herzen beendet“, sagt Tatar, „aus Rücksicht auf meine Familie – im März bin ich Vater einer Tochter geworden.“ Zu gerne hätte der Angreifer seiner Tochter den WM-Pokal mitgebracht, doch die Titelverteidigung sollte nicht sein. Für den pfeilschnellen Stürmer lag es an der zu langen Sommerpause vor der WM: „Die Vorbereitungszeit auf das Turnier war sehr kurz – auch das Klima von 40 Grad hat uns zu schaffen gemacht.“

Tatar, der deutsche Nationalspieler mit migrantischem Hintergrund, will sich jetzt ganz auf das Saisonziel Ligaverbleib in der Kreisliga A mit dem SGV konzentrieren. Seit rund einem halben Jahrzehnt geht er bereits für die Murrer auf Torejagd – Marcus Ziegler lotste ihn damals aus der Landesliga in die Kreisliga B. „In den höheren Ligen sind die taktischen Anweisungen während der Begegnung komplexer“, erklärt sein „Ziehvater“ Ziegler, „fußballerisch könnte er deutlich höher spielen – aber ohne Gehör wird es ab der Landesliga schwierig.“

Außerhalb des Fußballfeldes trägt Tatar ein Hörgerät und versteht durchaus etwas, im Spiel ist es jedoch mit technischem Gerät am Ohr zu gefährlich – allein mit Lippenlesen geht es ab einer bestimmten Spielklasse nicht mehr. Das Tempo ist zu hoch, die Ansagen der Spieler und Trainer entscheidend. Im Murrer Trikot ist mittlerweile alles auf den Star abgestimmt, die Laufwege sind bekannt – auch ohne Worte. Die Schiedsrichter werden regelmäßig instruiert, dass sie sich nicht wundern sollen über Tatars Ignoranz gegenüber ihren Pfiffen – er hört sie schlicht nicht.

Regelmäßig ruft der SGV-Coach Ziegler ihn für kurze Instruktionen an die Seitenlinie. „Er weiß, was er in Murr hat“, sagt der Ex-Bundesligaprofi des VfB Stuttgart. Umgekehrt wohl auch. Nach einer kleinen Formkrise direkt nach der Weltmeisterschaft ist Tatar nun wieder ganz der Alte, auch an die kurzen Nächte mit dem Baby zu Hause hat er sich mittlerweile besser gewöhnt: In sieben Ligaspielen hat er sieben Treffer erzielt, obwohl er selten 90 Minuten dabei war.

Welchen Anteil er am Aufstieg und Ligaverbleib der Murrer in der A-Klasse hat, ist für Ziegler eindeutig: „Er hat in 153 Spielen für uns 141 Tore gemacht, da muss man nichts mehr dazu sagen.“ Seit 2004 führt der SGV Murr eine „ewige Statistik“, mehr Begegnungen haben einige – mehr Tore niemand. Rund 30 Treffer Vorsprung hat der Murrer Gerd Müller in den vergangenen acht Jahren herausgeschossen. Die Gehörlosen-Nationalmannschaft versucht derzeit, ein Abschiedspiel für ihren verdienten Internationalen zu organisieren. In Murr will der torgefährliche Routinier jetzt möglichst schnell die Weichen stellen: „Unser Ziel mit dem SGV ist der Klassenerhalt – ich bin der älteste Spieler im Team, die junge und talentierte Mannschaft muss sich spielerisch nun noch etwas weiterentwickeln.“

von klaus teic hmann
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