Analyse
27. August 2012

Ludwigsburg demontiert sein Basketball-Denkmal

Die neuen Spieler von Basketball-Bundesligist Neckar Riesen wecken Hoffnungen, trotzdem brodelt es in den Reihen der Ludwigsburger Fans.

Zwiespältig sind die Gefühle in der Barockstadt im Blick auf die neue Saison der Basketball-Bundesliga. Die von Steven Key aufgestellte neue Mannschaft weckt Hoffnungen. Der Cheftrainer verspricht mehr Intensität, mehr Verteidigungsbereitschaft, höheres Tempo im Angriff. Auch wenn es fünf Euro ins Phrasenschwein kostet: Die Wahrheit liegt auf dem Parkett. Was haben wir nicht alles erlebt in der neuen Arena – verpasste Ziele, Trainerwechsel, Abstiegskampf.

Auch wenn die Neuzugänge sehr positiv aufgenommen werden, rumort es gewaltig im Lager der Fans der Neckar Riesen Ludwigsburg. Wie der Verein mit einem verdienten Spieler wie Jerry Green umgeht, treibt viele zurecht auf die Barrikaden.

Der Spielmacher hat mit Abstand die meisten Partien für den Bundesligisten bestritten und dabei die meisten Punkte erzielt (über 2000). Im Ludwigsburger Dress wurde Green im Jahr 2006 zum wertvollsten Akteur der BBL gewählt. Dreimal hintereinander führte er das Team in die Play-offs, denen Ludwigsburg seitdem vergeblich hinterherjagt. Einmal schrammten Green und Co. nur ganz knapp am Finale um die deutsche Meisterschaft vorbei.

Als Green nach erfolgreichen Engagements in Belgien und Italien 2010 nach Ludwigsburg zurückkehrte, schien einer neuerlichen Erfolgsstory nichts im Wege zu stehen. Vereinsvorsitzender Alexander Reil ging bis an die Schmerzgrenze und stattete den Basketball-Messias mit einem üppig entlohnten Dreijahres- vertrag aus.

In der ersten Saison nach Greens Comeback flutschte Ludwigsburg am letzten Spieltag die Endrundenteilnahme aus den Händen, in der zweiten Serie lernte der US-Amerikaner die Schattenseiten des Profisports kennen. Zwei Verletzungen zwangen ihn zu Pausen, während seine Kollegen um den Klassenerhalt kämpften. Der heute 32-Jährige musste möglicherweise auch seinem Alter Tribut zollen. Dass in dieser kritischen Phase Trainer Steven Key auf gesunde Spieler setzte, war nachzuvollziehen.

Völlig unverständlich ist dagegen, dass der Verein Green trotz eines bestehenden Vertrages vor der neuen Saison fallenlässt wie eine heiße Kartoffel. Green unterbrach seinen Aufenthalt in den USA und absolvierte im Juli auf Geheiß von Reil drei Wochen lang Sonderschichten im athletischen Bereich. Er fühlte sich nach eigenem Bekunden gewappnet für seine letzte Saison in der BBL.

Alexander Reil sah das anders. „Mit welcher Aussicht auf welche Qualität können wir rechnen?“, fragte sich der Chef der Neckar Riesen. Offenbar hat er diese Frage nicht seinen Experten für Kondition und Fitness gestellt. Dementsprechend fiel Reils Antwort aus: Das Ludwigsburger Basketball-Denkmal wird demontiert und ins Training zum Kooperationspartner Kirchheim Knights abgeschoben.

Reil und Key monieren beim Profi Schwächen in der Abwehrarbeit und zu behäbigen Spielaufbau. Während sie ihm zudem die Bereitschaft absprechen, sich als Spielmacher Nummer 2 hinter Neuzugang Kammron Taylor einzuordnen, sagt Green genau das Gegenteil. Sehr wohl wäre er bereit, seine Erfahrung von der Bank aus ins Team einzubringen.

Wer weiß, ob aus dem aggressiven, schnellen Taylor und dem cleveren Strategen Green nicht ein ideales Duo hätte werden können. Der Chance, sich von dieser Variante überzeugen zu lassen, hat sich der Verein ohne Not beraubt. Stattdessen zahlt er ein stolzes fünfstelliges Monatsgehalt ohne jegliche Gegenleistung.

Ins Bild passt der ständige Wechsel auf der Geschäftsstelle der Neckar Riesen. Die Positionen Presse und Marketing werden praktisch jährlich neu besetzt. Der Unmut unter den Fans ist kein guter Nährboden für die neue Saison, zumal sich auch Kurt Looby gegen Vorwurf der Verantwortlichen wehrt, trotz mehrfacher Aufforderung sich nicht in Ludwigsburg gemeldet zu haben. Der Center, zum Ende der vergangenen Runde in die Rolle des Publikumslieblings geschlüpft, spielt in Keys Planungen keine Rolle mehr.

Reil würde Green am liebsten an einen anderen Verein ausleihen, doch der Profi sagt: „Ich gehe meinen Weg.“ Der unbeugsame, geradlinige Mann aus Pomona in Kalifornien passt offenbar nicht mehr in das Weltbild des Ludwigsburger Basketball-Chefs.

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