03.08.2012

Mit dem Rad von Mecklenburg nach Olympia

London steht im Fokus des Weltinteresses. Olympia ist aber auch ein besonderes Ereignis für die Besucher der britischen Metropole. Unser Mitarbeiter Wolf- Dieter Retzbach hat sich bei einer Stippvisite umgeschaut und bemerkenswerte Einblicke gewonnen.

Wolfgang Jörß vor dem Deutschen Haus in London.

London. Am 7. Juli stieg Wolfgang Jörß im mecklenburgischen Ort Parchim auf sein Fahrrad, er ging „an Bord“, wie er es selbst nennt, und er war gut gerüstet für einen dreiwöchigen Aufenthalt an Bord. Vorne und hinten jeweils zwei Satteltaschen, dazu ein wasserdichter Seesack, in dem sich Zelt und Schlafsack befanden.

Am Lenker eine Hupe und eine starke Lampe, auf dem Kopf eine Stirnlampe mit 500 Lumen. Zwischen den Reifen mit Mänteln, die praktisch nicht platt werden können, eine 14-Gang-Naben-Schaltung. Weil Jörß zwar mit der rechten Hand den Lenker fassen kann, der Arm aber gelähmt ist, hat der 60-Jährige die Ein-Hebel-Bremsanlage für vorne und hinten auf die linke Lenkerseite gebaut.

Dann ging es los an jenem 7. Juli, einem Samstag. Über Amsterdam, Rotterdam, Antwerpen radelte Jörß nach Ostende. Von dort wollte er mit der Fähre nach Großbritannien, aber das Schiff nahm keine Fahrräder mit. Es war 20 Uhr, als Jörß weiterradeln musste, zum nächsten Fährhafen, immer an der Küste entlang, „erst habe ich mich geärgert, dann war es doch romantisch“. Nach etwa 65 Kilometern war Jörß am nächsten Hafen zwischen Ostende und Calais, von dort setzte er auf die Insel über. Dort kam er, entgegen seines Reiseplans, in Dover an. Jörß ging in eine Tankstelle und schrieb sich aus einer Karte die Orte ab, über die er auf seiner neuen Route London erreichen sollte.

Am Tag der olympischen Eröffnungsfeier radelte Jörß in die britische Hauptstadt ein – nach drei Wochen Fahrt und, inklusive des Umwegs über Amsterdam, 1530 zurückgelegten Kilometern. „Ich hatte 14 Regentage, so viele wie noch nie auf meinen Touren.“ Selbst seine bislang längste Strecke war weniger nass: Vor vier Jahren radelte Jörß von Trondheim zum Nordkap und zurück, insgesamt 3550 Kilometer in neun Wochen – inklusive einer Woche wandern.

Auf seiner jüngsten Tour zeltete Jörß nur dreimal auf Campingplätzen, sonst immer „wild“, beispielsweise auf Wiesen. „Ich weiß nie, wo ich abends lande“, erzählt der Familienvater, der bei Sonne bis zu 100 Kilometer am Tag radelt. Jörß’ erste Tour vor zehn Jahren ging von Parchim nach Sylt, 1200 Kilometer, „danach will man immer noch mehr Kilometer radeln.“ Die zweite Tour ging zur Elbequelle, jetzt ist Olympia in London an der Reihe.

In der britischen Metropole übernachtet Jörß auf einem Campingplatz im Osten der Stadt, dort, wo sich auch Olympiapark und -stadion befindet. 25 Euro zahlt Jörß pro Tag. „Sehr teuer“ findet er das, weshalb er seinen Olympia-Aufenthalt abkürzen könnte.

Vor dem Deutschen Haus in London fragen ihn viele Besucher des Fanfests und Mitglieder der deutschen Delegation, was die Fahne am Gepäckträger bedeutet. „Das ist die Flagge Mecklenburgs“, klärt der 60-Jährige die Deutschen auf, vor denen es am West India Quay – dem Standort des Deutschen Hauses in den Londoner Docklands – nur so wimmelt. Mit einer anderen Fahne gibt sich Jörß aber sofort zu erkennen: Am Lenker seines Fahrrads weht die deutsche Flagge.

URL: http://www.lkz.de/sport/lokalsport_artikel,-Mit-dem-Rad-von-Mecklenburg-nach-Olympia-_arid,76113.html