
„Wir können auch Samba“

Drei Schritte nach vorne und dann seitwärts pendeln. Beim langsamen Walzer finden sich Paare zusammen, die die Schrittkombinationen nebeneinander absolvieren. Dabei sollte der Oberkörper immer aufrecht sein, der Bauch wird eingezogen und der Blick richtet sich nach vorne, es entwickelt sich eine Körperspannung. „Wir können auch Samba und beherrschen zudem Kreis- sowie Linientänze“, versichert Sylvia Scheerer, doch die komplizierteren Techniken lässt sie beim Schnuppernachmittag erst mal weg. Der zweite Vorsitzende des Stadtseniorenrates, Erhard Röder, gehört schon zu den Könnern. Er beherrscht sämtliche, von Tanzlehrerin Sylvia Scheerer entwickelten Choreographien. Kein Wunder, denn er ist bereits von Beginn an dabei und möchte das Tanzen nicht mehr missen. Seit einer schweren Krankheit ist er auf die Gehhilfe angewiesen und er weiß das Bewegungsprogramm nach Musik zu schätzen.
„Wir wollen, dass der Rollator gesellschaftsfähig wird“, betont die Vorsitzende des Stadtseniorenrates, Elisabeth-Charlotte Rotsch. Sie hatte vor fünf Jahren einen Fernsehbeitrag aus den USA über das Tanzen mit dem Rollator gesehen und gleich alle Hebel in Bewegung gesetzt, um dieses Angebot in Ludwigsburg in Zusammenarbeit mit dem 1. Tanzclub zu etablieren. Zwei Jahre später war es so weit: Das seinerzeit angebotene Schnuppertraining übertraf alle Erwartungen, über 100 ältere Menschen waren gekommen, geblieben ist eine eingeschworene Gruppe, die nun schon seit drei Jahren allen Altersgebrechen zum Trotz die Lebensfreude nicht verliert. Ludwigsburg gilt seither bundesweit als Pionier in diesem Bereich.
Elisabeth-Charlotte Rotsch hat von Beginn an mitgetanzt, obwohl sie anfangs noch gar keine Gehhilfe brauchte. Inzwischen ist die 83-Jährige nach einem Sturz ebenfalls auf den Rollator angewiesen und sie schwärmt von den Möglichkeiten, die das Hilfsmittel bietet. „Das Laufen wird ganz leicht und ich fühle mich einfach viel sicherer“, berichtet sie. Doch Elisabeth-Charlotte Rotsch weiß, dass nicht alle älteren Menschen so denken.
Die Erfahrung der Stadtseniorenrätin: Vor allem Männer schämen sich, mit dem Rollator in die Öffentlichkeit zu gehen, weil sie Angst haben, nicht mehr als vollwertig, sondern als hilfsbedürftig zu gelten. Die Folge: Sie ziehen sich zurück, die Beweglichkeit lässt weiter nach, der körperliche Zustand verschlechtert sich. In der Rollatoren-Tanzgruppe gibt es Rotsch zufolge dabei Beispiele, wie Menschen regelrecht aufblühen. Neben dem Körper wird beim Tanzen nämlich auch noch der Geist trainiert. „Wir müssen uns ja schließlich die ganzen Tanzschritte und Choreographien merken“, gibt die Stadtseniorenrätin zu bedenken.
Die Tanzlehrerin Sylvia Scheerer ist für dieses Angebot einfach die Idealbesetzung. Denn sie hat bereits Anfang der 90er Jahre das Rollstuhltanzen in Ludwigsburg populär gemacht. Ihre Erfahrung: Ob mit Rollstuhl oder Rollator, das Tanzen steigere das Selbstbewusstsein, es stärke Beweglichkeit, Kondition, Koordination und Körpergefühl. Kein Wunder also, dass sie gleich Feuer und Flamme war, als der Stadtseniorenrat in Sachen Rollator-Tanz auf sie zukam. Auch sie hat die Erfahrung gemacht, dass viele ältere Menschen die Gehhilfe als etwas Lästiges ansehen. Beim Tanzen sei das völlig anders, dann werde der Rollator zum Sportgerät. Das Tanzen regt laut Sylvia Scheerer auch Phantasie und Kreativität an. Da kämen Tücher sowie Hüte zum Einsatz und die Musik halte Erinnerungen wach. Es werde deshalb häufig einträchtig mitgesungen. Sylvia Scheerer hat außerdem schon positive Erfahrungen mit Demenzkranken gemacht. Ihre Devise: Die Menschen so weit wie möglich mobilisieren, damit sie länger körperlich und geistig fit bleiben.
Das beste Beispiel dafür ist die älteste Teilnehmerin in einer ihrer Gruppen mit 96 Jahren. Sylvia Scheerer gilt längst als ausgewiesene Expertin auf dem Gebiet des Rollator-Tanzes und sie gibt ihre Kenntnisse bei Schulungen weiter. Dem Leiter der Breitensportabteilung im 1. TCL, Bernd Junghans, ist es ein Anliegen, den Bereich Seniorentanz im Verein weiter auszubauen.
Dafür hat er gute Gründe. „Das Tanzen aktiviert beide Gehirnhälften und kann somit auch Demenz oder Alzheimer hinauszögern“, sagt er und nennt mit der Sturzprophylaxe noch einen weiteren wichtigen Aspekt. Wer eine gute Körperkoordination habe, falle auch nicht mehr so schnell hin, versichert Junghans.
Info: Das vom 1. Tanzclub Ludwigsburg und dem Stadtseniorenrat angebotene Tanzen mit dem Rollator findet immer dienstags von 10.30 bis 11.30 Uhr im Clubheim des 1.TCL im Erlenweg 1 statt. Wer Interesse hat, kann einfach vorbeikommen, eine Voranmeldung ist nicht erforderlich.