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Israelisches Leviathan-Feld

Erdgas im Mittelmeer: Chance und Zündstoff für Diplomatie

Der Wettlauf um Erdgas geht im Mittelmeer in eine neue Phase. Während Israel am Leviathan-Feld zu fördern beginnt, sieht Ägypten sich schon als Gas-Umschlagplatz von morgen. Nur die energiehungrige Türkei geht leer aus und wendet sich verbittert neuen Partnern zu.

Gasfeld im Mittelmeer
Eine israelische Förderplattform und zwei Spezialschiffe liegen auf dem Mittelmeer über einem Gasfeld vor der israelischen Küste. Foto: Albatross Aerial Photgraphy/epa/dpa

Tel Aviv/Kairo/Athen/Istanbul (dpa) - Als vor wenigen Jahren die ersten Erdgasvorkommen im östlichen Mittelmeer vor Israel, Zypern und Ägypten entdeckt wurden, gab es eine Hoffnung und eine Warnung. Der vermeintliche Wohlstand könne den Frieden in dieser von Krisen heimgesuchten Region bringen, werteten damals optimistische Analysten. 

Die Warnung lautete: Erdöl- und Erdgasvorkommen könnten ein zusätzlicher Grund für noch mehr Streit und Krisen werden. Zurzeit scheint sich die pessimistische Version zu bewahrheiten.

«Es gibt nicht einen einzigen Fall, in dem Energie den Beziehungen (zwischen Ländern) geholfen hat, anstatt sie zu erschweren», sagt Harry Tzimitras vom Osloer Institut für Friedensforschung Prio. Erdgas, das laut Experten noch 20 oder 30 Jahre als Energielieferant dienen dürfte, würde wie Öl zum Politikum. «Die Logik dahinter ist absolut dieselbe», sagt Tzimitras.

Andere Experten sehen Gas nicht als politischen Zündstoff, sondern viel mehr als Chance für die Diplomatie. «Das Thema Gas ist sehr, sehr wichtig für die regionale Zusammenarbeit», sagt Forscher Oded Eran vom Institut für Nationale Sicherheitsstudien (INSS) in Tel Aviv. Ein kleines Gasfeld der Palästinenser vor des Küste des Gazastreifens sei etwa «eine ausgezeichnete Plattform für eine Zusammenarbeit zwischen uns, den Jordaniern und den Palästinensern.»

Mit dem Produktionsstart am israelischen Leviathan-Feld treten die Anrainerstaaten beim Gas nun in eine neue Phase. Fast ein Jahrzehnt nach der Entdeckung von Israels größtem Erdgasvorkommen hat am Dienstag die Förderung begonnen, in Kürze sind Exporte nach Ägypten und Jordanien geplant. 130 Kilometer westlich der israelischen Hafenstadt Haifa liegen in etwa 1700 Meter Meerestiefe Reserven von schätzungsweise 605 Milliarden Kubikmeter. Aus privater Hand wurde dort das größte Energieprojekt in Israels Geschichte finanziert.

Ganz ohne Reibungen geht es aber offenbar nicht. In Jordanien gebe es starken Widerstand durch «anti-israelische Elemente im Parlament und auf der Straße», sagt Eran. Das Volk übe starken Druck aus auf den jordanischen König, die Zusammenarbeit mit Israel zu beenden. Problematisch seien bei dem Thema auch Israels Bestrebungen, Teile des Westjordanlands zu annektieren, darunter auch das Jordantal.

Israel verfügt über weitere Erdgasfelder, die Produktion aus dem Tamar-Feld hatte 2013 begonnen. Das kleine Land, das in der Region viele Feinde hat, will damit seine Energieunabhängigkeit sichern. Es soll Israel außerdem den Kohleausstieg ermöglichen und das Land zum Energie-Exporteur machen. Davon erhofft sich der jüdische Staat auch bessere Beziehungen zu seinen Nachbarn. Über eine Riesenpipeline will Israel außerdem von 2025 an Gas nach Europa liefern.

Auch Ägypten träumt vom Export und will zum Gas-Umschlagplatz in der Region werden. Der Wüstenstaat sei dort dank seiner Infrastruktur am ehesten «Eckpfeiler im Gas-Geschäft», sagt Simone Tagliapietra von der Denkfabrik Bruegel in Brüssel. Mit Israel, Vertretern aus den Palästinensergebieten, Jordanien, Italien, Griechenland und Zypern ist Ägypten schon im Mittelmeer-Gasforum EMGF zusammengetreten. Die Türkei wurde von dem Verbund allerdings ausgeschlossen.

Ankara fühlt sich benachteiligt, der Ton ist trotzig bis bitter. Man habe vergeblich auf Gleichberechtigung bei den Energiereserven gedrungen, heißt es von türkischer Seite. Bisher geht die Türkei bei den im Mittelmeer entdeckten Energieressourcen leer aus, pocht als Anrainer mit einer langen Küste aber auf einen Anteil. Zudem ist das Land chronisch energiehungrig, muss bisher aber fast alle Ressourcen importieren, wie der türkische Energieexperte Necdet Pamir erklärt. Die Türkei importiere rund 99 Prozent des Gases und 94 Prozent des Öls, das es verbrauche.

Rund um Zypern hat Präsident Recep Tayyip Erdogan bereits Tatsachen geschaffen. Dort suchen seit Monaten türkische Schiffe nach Erdgas; ohne die Genehmigung der Regierung des EU-Landes Zypern. Die türkische Flotte wird demonstrativ begleitet von Schiffen der Marine - obwohl die EU bereits im Juli Strafmaßnahmen verhängt hatte. Geplante Sanktionen wie Vermögenssperren oder EU-Einreiseverbote gegen Verantwortliche sind noch in Arbeit.

Auf der Suche nach eigenen Allianzen hat die Türkei inzwischen ein Abkommen mit der Regierung Libyens in Tripolis unterzeichnet, mit der unter anderem die Grenzen des Festlandsockels zwischen beiden Ländern gezogen wurden. In Athen herrscht seitdem Alarmstimmung. Nach Ansicht Griechenlands verstößt das höchst umstrittene Abkommen gegen das Internationale Seerecht. Der Streit könnte südlich von Kreta zu nicht absehbaren Reaktionen der griechische Kriegsmarine führen - eine der stärksten im Mittelmeer.

Russland, das Europas Gasmärkte fest im Griff hat, betrachtet all das ziemlich gelassen. Bei den derzeitigen Tiefpreisen sei Erdgas aus dem Mittelmeer in Europa auch kaum konkurrenzfähig, sagt Analyst Charles Ellinas vom Atlantic Council. «Der ganze Gas-Schauplatz im östlichen Mittelmeer wurde von Anfang an übertrieben.» Russland hat inzwischen eine eigene Pipeline in die Türkei bauen lassen. Turkish Stream heißt die Leitung durch das Schwarze Meer. Russlands Präsident Wladimir Putin will sie am 8. Januar zusammen mit Erdogan in Betrieb nehmen.