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Russische Invasion
Flüchtlinge aus Ukraine: Faeser will mehr EU-Solidarität

Nancy Faeser
Laut Innenministerin Nancy Faeser ist Deutschland heute besser aufgestellt als bei früheren Fluchtbewegungen. Foto: Christophe Gateau
Jeden Tag fahren Dutzende Busse quer durch Deutschland, um Geflüchtete aus Städten wie Berlin wegzubringen - dort mangelt es an Schlafplätzen. Es gibt weiterhin Kritik am staatlichen Krisenmanagement.

Berlin/Brüssel. Nach vier Wochen Krieg tut sich die Bundesregierung immer noch damit schwer, das Ausmaß der Fluchtbewegung aus der Ukraine nach Deutschland einzuschätzen. Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) dringt in Brüssel auf mehr europäische Solidarität.

Feste Quoten zur Verteilung der Menschen, die vor dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine fliehen, wird es in der Europäischen Union jedoch voraussichtlich nicht geben.

«Noch ist völlig unklar, wie viele Frauen, Männer und Kinder aus der Ukraine bei uns Zuflucht suchen werden. Wir wissen nur: Es werden viele sein», sagte Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) im Bundestag. Auch wie viele Kriegsflüchtlinge sich bereits in Deutschland aufhalten, ist nach wie vor unbekannt. Die Aufnahme und Unterbringung dieser Menschen liegt in der Zuständigkeit der Länder. Bei der Verteilung ist aber auch der Bund gefragt.

«Wir haben noch keine Zahlen darüber, wie viele jetzt tatsächlich in welchem Bundesland untergekommen sind», sagte der Sprecher des Bundesinnenministeriums, Maximilian Kall. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) habe noch keine Übersicht, wie viele der Kriegsflüchtlinge sich in den Erstaufnahmeeinrichtungen aufhielten.

238.932 Kriegsflüchtlinge in Deutschland

Wie das Bundesinnenministerium mitteilte, hat die Bundespolizei seit Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine die Ankunft von
238.932 Kriegsflüchtlingen festgestellt. Ukrainer dürfen allerdings ohne Visum einreisen - die Zahl der Angekommenen ist daher wahrscheinlich insgesamt höher. Nicht erfasst wird außerdem, wie viele Geflüchtete von Deutschland aus weiterreisen zu Freunden oder Verwandten in anderen Staaten. Nachdem in der Vorwoche täglich mehr als 10 000 neu eingetroffene Kriegsflüchtlinge festgestellt worden waren, erfasste die Bundespolizei in den vergangenen zwei Tagen jeweils rund 7000 Neuankömmlinge.

«Wir arbeiten jetzt intensiv daran, gemeinsam mit Polen und Frankreich weitere Drehkreuze aufzubauen, um die Verteilung der Geflüchteten auch in andere EU-Staaten zu ermöglichen», sagte Faeser in Brüssel nach einem Gespräch mit EU-Innenkommissarin Ylva Johansson. Frankreich habe zugesagt, Geflüchtete aufzunehmen und über Lyon, Bordeaux und Dijon zu verteilen. Die Deutsche Bahn sei mit der französischen Bahn SNCF zu Zugverbindungen im Kontakt. Bis das etabliert sei, würden Busse eingesetzt. Die EU habe beschlossen, dass alle Mitgliedstaaten gemeinsam, schnell und unbürokratisch Kriegsflüchtlingen vorübergehenden Schutz gewähren. «Das müssen jetzt auch alle gemeinsam umsetzen», betonte Faeser.

Die EU-Kommission erteilte Forderungen nach einem verpflichtenden Schlüssel zur Verteilung von Flüchtlingen aus der Ukraine über die EU-Staaten allerdings eine klare Absage. Die Menschen, die unter der Richtlinie für einen Massenzustrom Vertriebener Schutz suchten, dürften sich frei in der EU bewegen. Man werde nicht entscheiden, wo sie sich niederlassen sollten. Jedoch brachte EU-Innenkommissarin Ylva Johansson einen Index als Grundlage für eine mögliche Verteilung ins Spiel, der die Belastung der einzelnen Länder zeigen soll. Dieser solle etwa berücksichtigen, wie viele Menschen aus der Ukraine in den einzelnen Ländern bereits aufgenommen worden sind und wie viele Menschen dort 2021 Asyl beantragt hätten.

Faeser begrüßte diesen Ansatz. Bei der Frage der Verteilung der Menschen müsse es am Montag beim Sondertreffen der EU-Innenminister konkret werden. «Ich glaube, es braucht vor allen Dingen feste Zusagen aller europäischen Staaten, dass sie aufnehmen.»

Union: Aufnahme «zur Chefsache machen.»

Die stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion, Dorothee Bär (CSU), kritisierte, die Bundesregierung habe sich nicht darauf vorbereitet, die Aufnahme jener Menschen zu koordinieren, «die den Schutz vor den Bomben suchen». Bär sagte: «Herr Scholz, ich erwarte, dass Sie das jetzt mal zur Chefsache machen.» Dass es bislang nicht gelinge, die ankommenden Flüchtlinge und die sie hier abholenden Menschen zu registrieren, sei ein «Kontrollverlust».

Um mehr Sicherheit für die Flüchtlinge zu gewährleisten, sei die Möglichkeit einer Registrierung der Anbieter von Unterkünften auf der Website unterkunft-ukraine.org geschaffen worden, teilte das Bundesinnenministerium mit. Eine Abholung der Geflüchteten sei nur nach einer Vor-Ort-Identifizierung durch Vorlage des Personalausweises möglich. Die Polizeibehörden von Bund und Ländern seien wachsam, um mögliche Fälle von Ausbeutung im Zusammenhang mit der Lage der Flüchtlingen zu verhindern. «Es liegen bislang aber keine bestätigten Informationen über konkrete Menschenhandelsverdachtsfälle oder ausbeuterische Handlungen zum Nachteil von in Deutschland ankommenden Frauen aus der Ukraine vor», berichtete eine Sprecherin auf Anfrage.

Nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks haben seit Kriegsbeginn rund 3,6 Millionen Menschen die Ukraine verlassen. Kein anderes Land hat bisher so viele Ukraine-Flüchtlinge aufgenommen wie das Nachbarland Polen, wo nach Angaben des Grenzschutzes mehr als 2,17 Millionen Flüchtlinge eingetroffen sind. Es gibt keine offiziellen Angaben dazu, wie viele der Kriegsflüchtlinge in Polen geblieben und wie viele bereits in andere EU-Staaten weitergereist sind. Die Ukraine - flächenmäßig das größte Land in Europa - hatte vor Beginn des russischen Angriffs mehr als 44 Millionen Einwohner.

© dpa-infocom, dpa:220323-99-632273/11