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Stuttgart
Doppelbödig: Kunstmuseum zeigt Rehbergers Kunstvielfalt

Ausstellung Tobias Rehberger «I do if I don't»
Der Künstler Tobias Rehberger steht in seiner Ausstellung «I do if I don't» im Kunstmuseum Stuttgart. Foto: Marijan Murat
Für Tobias Rehberger ist seine Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart wie ein Heimspiel. Er stammt aus Esslingen gleich nebenan. Nur wenige Meter vom heutigen Museum entfernt traf er sich als Jugendlicher mit Freunden. Heute kommt er zurück als Star mit Hintergedanken.

Stuttgart. Ein Stuhl mit nur drei Beinen ist kaputt, zumindest ist er sinnlos. Oder nicht? Tobias Rehberger sieht das anders. «Der Stuhl kann auch Kunstwerk sein oder ein Teil des Ganzen», sagt der Künstler, während er durch die bislang umfangreichste Ausstellung in seiner Stuttgarter Heimatregion schlendert. Ihm geht es darum, Dinge infrage zu stellen. Das Kunstmuseum gibt dem gebürtigen Esslinger in den kommenden Monaten viel Raum, um seine Kunstidee zu präsentieren: Auf drei Etagen des gläsernen Kubus geht es von diesem Freitag an so bunt, so poppig, so auffällig zu wie lange nicht mehr. Das kommt witzig daher, knallig und modern, es ist aber vor allem die Kunst mit Hintergedanken, die Rehberger hier zeigen will.

Material, Farben, die Größe oder die Interaktivität - Rehberger kennt für seine Werke keine Grenzen. Mal kommt es als Kunst daher, mal denkt man eher an Design, dann wieder an Architektur, flackernde Neonleuchtreklamen und in leuchtenden Farben lackierte Skulpturen sind dabei, Installationen mit optischen Täuschungen, Kunst am Bau und eine ganze Sammlung von Keramiken aus dem 3D-Drucker: «Kunst kann für mich alle möglichen interessanten Formen annehmen», sagte der international agierende Frankfurter Künstler.

Raum für Raum eine neue Überraschung, wenngleich nicht alle sich auf Anhieb erklären und Beschriftungen fehlen: So warten zum Beispiel 46 Blumenvasen hinter Glas auf die Kunstfreunde. Vasen, mit denen Rehberger seit 1995 Freunde und Bekannte aus ihrer und aus seiner Sicht darzustellen versucht. So gibt es kleine und große, eckige und bauchige, schlichte und extravagante Formen, sie können bunt, monochrom oder durchsichtig sein. «Ich habe versucht, den Charakter des anderen zu erfassen und darzustellen, was jemand meines Erachtens in der Gesamtheit seiner Person ist», erklärt Rehberger.

Nebenan ist der Himmel voller Lampen. Wie Tropfen hängen die rund 200 Werke einer Glasbläserei aus dem Harz von der Decke. Der Clou: Es ist Kunst zum Mitmachen, zum Verändern. Denn über Lichtschalter können einzelne Lampengruppen angesteuert und zum Leuchten gebracht werden. «Da habe ich als Künstler nie einen Einfluss drauf, wie die Arbeit letztlich rüberkommt. Die Installation wird sozusagen fremdgesteuert.»

Gezeigt werden die Kunstfantasien des Frankfurter Städel-Professors auch in einer Raum-Labyrinth-Struktur oder mit wechselnden Wandfarben, in Reih und Glied oder in einem Raum, dessen schwarz-gepunktete Tapete Camouflage- und Blendeffekte erzeugt und so die Raumgrenzen aufzulösen scheint. Es ist Kunst mit Hintergedanken: «Was erscheint wie eine abstrakte, amorphe, oft lebensfrohe und poppige Skulptur hat immer eine zweite Ebene, auf der der Sinn hineinkommt», sagt Museumsdirektorin Ulrike Groos. Es gehe Rehberger um das vermeintlich Unfertige, Unperfekte, das von Hand Geschaffene.

So sind auch seine Schattenskulpturen zu verstehen: Bestrahlt von einem Scheinwerfer projizieren die scheinbar abstrakten Objekte Buchstaben an die Wand. Aus der unsteten Form werden Wortgebilde wie «Cruise», «Sex» oder «Never».

Ein Teil der Ausstellung im «Kunstmuseum des Jahres 2021» ist sogar käuflich: Denn Rehberger hat in den vergangenen Monaten mit seinem Frankfurter Studio Skulpturen im 3D-Druckverfahren realisiert, die nicht nur mit Abstand betrachtet, sondern teilweise als Sitzmöbel und Tische genutzt werden können. Eine eigens für die Schau entworfene 3D-Keramik-Edition mit Becher, Schüssel und Teller wird den Besuchern angeboten.

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