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Prozess

Aufarbeitung einer tödlichen Nacht

Kommende Woche beginnt die Verhandlung gegen einen 68-Jährigen, der eine Obdachlosenunterkunft in Markgröningen angezündet haben soll. Vier Menschen starben. Für den Angeklagten ist es nicht der erste Prozess wegen Brandstiftung.

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Durch das Feuer im Gerbergässle sterben vier Menschen. Archivfoto: Dan Becker

Markgröningen/Stuttgart. Es ist kurz vor zwei Uhr am 7. August, als der Mann einen folgenreichen Entschluss fasst. Er geht in den Aufenthaltsraum jenes Gebäudes, das ihm und zehn anderen eigentlich Schutz bieten sollte, mitten in der Altstadt von Markgröningen. In dem Raum der Obdachlosen- und Asylbewerberunterkunft zündet er eine Decke an, die auf einer Couch liegt, und geht zurück in sein Zimmer. Nur wenig später ist das komplette Haus voll mit beißendem Rauch. Für eine 54 Jahre alte Frau und ihren Besucher bedeutet er unmittelbar das Todesurteil. Drei weitere Bewohner werden in ein Krankenhaus eingeliefert, unter ihnen auch jener Mann, der die Decke angezündet haben soll. Gegen ihn wird am kommenden Mittwoch der Prozess vor dem Landgericht Stuttgart eröffnet.

Die Anklage lautet auf vierfachen Mord – am Abend war ein weiterer Mann gestorben, drei Tage später ein dritter – sowie versuchten Mord, Brandstiftung und gefährliche Körperverletzung. Eine lebenslange Haft könnte dem 68-Jährigen damit drohen. Er soll bereits am Nachmittag des Brandtages in einer Vernehmung eingeräumt haben, das Feuer gelegt zu haben, so Polizei und Staatsanwaltschaft.

Warum, ist für die Ankläger bis heute nicht klar. „Über das Motiv kann man nur spekulieren“, sagt Jan Holzner, Erster Staatsanwalt und Pressesprecher. Der 68-Jährige habe sich nie richtig geäußert. Es sei aber zu vermuten, dass er eigene Probleme durch die Brandlegung zu kompensieren versucht habe. Seine persönliche Situation sei schwierig gewesen. Man habe aber keine Anhaltspunkte dafür, dass es dem Angeklagten darauf ankam, andere Menschen zu schädigen. „Er wusste ja, dass Leute dort schlafen.“ Nichtsdestotrotz sei rechtlich von Vorsatz auszugehen.

Und es war nicht das erste Mal, dass der Mann gezündelt habe. Schon im Jahr 1984 sei er vom Stuttgarter Landgericht wegen schwerer Brandstiftung zu einer Haftstrafe von fünf Jahren verurteilt worden. Bis 1986 saß er im Gefängnis, danach wurde er in eine Psychiatrie eingewiesen, wo er bis 1991 blieb. In der Folge habe es noch einige kleinere Verfahren gegen ihn gegeben. 2013 wurde er dann in Ludwigshafen wegen Brandstiftungsdelikten verurteilt. Auch das keine so großen Taten wie vergangenen Sommer in Markgröningen.

Und das hätte noch weitaus schlimmere Folgen haben können. Denn die Feuerwehr hatte mit den beengten Verhältnissen in der Altstadt ordentlich zu kämpfen, ebenso mit der großen Hitze. „Es war heiß wie in einem Holzbackofen“, so der Feuerwehrkommandant Hans-Hermann Kefer damals. Doch zum Glück haben auch die Nachbarn sehr schnell reagiert, als sie die ersten Hilferufe gehört hatten. Rasch legten Besitzer und Mitarbeiter des Hotels nebenan Leitern an das Gebäude, eine Bewohnerin und ihre zehnjährige Tochter konnten sich darüber retten.

Viel Hilfe wurde den Betroffenen auch danach zuteil. Schon in der Nacht war die Gerlinger Kleiderkammer geöffnet worden, damit die Bewohner etwas zum Anziehen bekamen. Und danach richtete die Stadt ein Spendenkonto ein. Mehr als 10 000 Euro sind zusammengekommen, die an die Hinterbliebenen und Brandopfer verteilt wurden, berichtet Bürgermeister Rudolf Kürner. Zudem hatte ein Student, nichts wissend von dem Unglück, kurze Zeit danach ein Bild des Rathauses gemalt, eine Markgröningerin, die zufällig vorbeikam, kaufte es ihm ab und stellte es für eine Versteigerung zur Verfügung, die nochmals 1000 Euro erlöst habe. Und von Ikea gibt es die Zusage, Einrichtungsgegenstände zu spendieren, wenn die Unterkunft wieder bezogen werden kann.

Doch bis das so weit ist, dauert es noch, auch weil zunächst unklar war, ob aus Brandschutzgründen das Haus wieder als Unterkunft genutzt werden kann. Noch sind nicht alle Gewerke für die Sanierung ausgeschrieben, berichtet Kürner. Zudem habe es mit der Versicherung, die sich um die Abwicklung der Arbeiten kümmert, kleine Unstimmigkeiten gegeben. Sie habe beim Bereich Sanitär nicht das bezahlen wollen, was man wollte. Doch für die Stadt war klar: „Es soll alles nach dem heutigen Stand der Technik saniert werden“, so Bürgermeister Kürner.

Wann die Bewohner – sie leben derzeit in Containern – wieder einziehen können, steht noch nicht fest. Deutlich schneller soll da das Urteil gegen den Angeklagten fallen. Sechs Verhandlungstage sind terminiert, der letzte für den 25. April.