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Aufgespielt

Klavierspielen ist wie Fahrradfahren, das verlernt man nicht ganz“, hatte Bärbel Häge-Nüssle bei der Vorstellung des neuen Erwachsenenprogramms der Musikschule Marbach-Bottwartal versichert. Drei Unterrichtsstunden reichen locker für ein Weihnachtslied, wenn man schon mal Klavier gespielt habe. Na, das ist doch eine Aussage. Mit 13 oder 14 Jahren habe ich meine Klavierkarriere nach Blockflöten- und jahrelangem Klavierunterricht einfach an den Nagel gehängt. Ich – mitten in der Pubertät – weigerte mich einfach so lange, zu üben, bis meine Mutter nachgab und den Vertrag mit der Musikschule kündigte. Das ist 32 Jahre her. „Warum hast Du mich nicht gezwungen?“, machte ich ihr später oft Vorwürfe. Dabei blieb es. Bärbel Häge-Nüssle weckte meinen Ehrgeiz und ich wage das Experiment „In drei Wochen zum Weihnachtslied“.

Marbach. Die Noten: „Am besten bringen Sie ihre Noten mit“, gab Bärbel Häge-Nüssle mir mit auf den Weg. Kein Problem, die liegen auf dem Klavier, denke ich. In meinem früheren Zimmer in meinem Elternhaus steht zwar das Klavier, aber es finden sich keine Noten. Eine Hawaii-Blumengirlande hängt da (wann hatte ich die jemals um?), eine Blechdose mit altem Modeschmuck (Rosa Perlen! Grauslich!) steht da und Andy Warhols Marilyn Monroe hängt an der Wand (das Poster ist immer noch schön, habe ich von meinen Freundinnen geschenkt bekommen) – aber keine Noten. Ich schenke mir das Suchen – zu viele Möglichkeiten, wo die Noten sein könnten. Auch das Klavier bleibt zu, ich hab ja keine Noten. Und es ist ohnehin verstimmt.

Die Finger: „Haltung“, mahnt Häge-Nüssle, die die Herausforderung als Lehrerin angenommen hat. Rücken gerade, Füße parallel auf den Boden und dann mal die Finger über die Tasten krabbeln lassen. Locker sollen sie sein, schön gerundet. „Und jetzt zählen Sie die Finger durch.“ Entgeistert gucke ich meine Lehrerin an. Will sie mich veräppeln? Sie deutet auf die Noten: Über manchen steht eine Zahl und diese Fingernummer spielt die Note. Ich erinnere mich zwar nicht, aber der Trick hilft später ungemein. Meine Anfangsposition - das C – finde ich auch problemlos, beim Rest der Tonleiter hapert es. „Das muss sitzen, das lernen Sie bis nächstes Mal.“ Die Mitternachtsformel aus der Mathematik lässt grüßen. Die Finger gleiten dafür schon ganz flugs über die Tasten, sogar das Übergreifen mit dem Daumen klappt sofort. Die Melodie ist schon erkennbar.

Das Lied: Bärbel Häge-Nüssle ist überzeugt davon, dass meine Karriere nach drei Terminen noch nicht zu Ende ist und gibt mir gleich ein ganzes Notenheft mit Weihnachtsliedern. Wir suchen uns „Alle Jahre wieder aus“. Das sei einfach, versichert sie, aber doch auch schwer genug. „Als Anfänger könnten Sie das vielleicht nach zwei, drei Jahren spielen.“ Die Hauptmelodie mit der rechten Hand klappt relativ schnell, ein paar Holperer schrecken nicht ab, aber was zur Hölle ist ein Quintschluss?

Der Bleistift: Journalisten haben immer einen Kugelschreiber dabei und notieren sich auch gerne auf jedem Zettel irgendetwas. Schnell ist also auch der Hinweis, „zwei Töne dazwischen“ in die Noten gekritzelt. Das geht gar nicht, Häge-Nüssle ist entsetzt. Nicht der Kuli, sondern der Bleistift ist das Utensil des Klavierspielers, damit sich die Notizen wegradieren lassen.

Die halbe Stunde: Nach der ersten halben Stunde Unterricht klappt rechts gut, die linke Hand holpert ziemlich, aber im Zusammenspiel mit Bärbel Häge-Nüssle geht es irgendwie. Auch die Tonlängen lese ich fehlerfrei aus den Noten heraus. Jetzt heißt es üben. Täglich, mahnt Häge-Nüssle. Erst rechts, dann links, dann beide Hände. „Sie wissen nun welcher Ton, welcher Finger, welche Taste, das ist das Fahrradfahren. Je länger Sie spielen, desto mehr kommt aus der Erinnerung zurück.“ Ich bin schon jetzt auf den ersten Anruf der Nachbarn gespannt.