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Gardetanzsport

Ausdauer und Körperbeherrschung

In der ausverkauften Gerlinger Stadthalle fanden am Wochenende die 48. Württembergischen Meisterschaften im karnevalistischen Gardetanzsport statt, bei denen rund 700 Tänzerinnen und Tänzer um die Titel gekämpft haben.

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Sportliche Höchstleistungen: Gerlingen ist ein Wochenende lang Hauptstadt des Gardetanzes in Württemberg. Eltern und Maskottchen müssen neben der Bühne bleiben. Fotos: Karin Rebstock
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Gerlingen. Keine Frage, solch ein Wettbewerb ist eine Großveranstaltung. Allein in den Aufbau hat die Contacter Karnevalsgesellschaft Gerlingen am Vortag 13 Stunden investiert. Und jetzt sind mit 100 Helferinnen und Helfern fast die Hälfte der Mitglieder am Werk, um den Ablauf und die Versorgung der rund 1000 Gäste reibungslos über die Bühne zu bringen. Das Küchenteam ist seit 5.30 Uhr auf den Beinen. Problemlos gehen so schon am ersten Wettkampftag 450 panierte Schnitzel und fast tausend Portionen Pommes in Gerlingen über den Tresen.

Aber die Contacter sind solche Großkampftage gewohnt. Bereits zum dritten Mal gastiert bei ihnen die vom Landesverband Württembergischer Karnevalsvereine veranstaltete Meisterschaft. Zuletzt vor fünf Jahren. Warum sie das auf sich nehmen? Mit eineinhalb Jahren Vorbereitung! „Hier kann man zeigen, dass man als Verein so etwas kann“, sagt Stefanie Hauke, die Präsidentin der Contacter. Und als der erste Wettkampftag so langsam zur Neige geht, resümiert sie: „Eine schöne Veranstaltung. Wir haben alles im Griff.“

Das könnte auch Biggi Sattler sagen, die „Chefin aller Contacter-Garden“. In vier Disziplinen wird der Wettbewerb ausgetragen: Paare, Garden, Tanzmariechen und Schautanz. Da Sattlers Ü 15-Mädchen, die ältesten der drei Altersgruppen, erst am nächsten Tag dran sind, besorgt sie jetzt am Mischpult in aller Ruhe das Zuspiel der Tanzmusik. 24 Jahre hatte sie aktiv bei den Contactern getanzt, es 2007 sogar bis zu den Deutschen Meisterschaften geschafft. Und seit neun Jahren trainiert sie nun schon im Verein. Sattler ist also für einen zuschauenden Novizen des Gardetanzsports nicht nur die ideale Begleiterin durch den Wettbewerb. Sie zuckt auch nicht zusammen, wenn man ihr ein gängiges Bedenken gegen den Gardetanz vorträgt: Die Tänzerinnen sind junge Mädchen in kurzen Röckchen und engen Kostümen. Ob da nicht ein gewisser Voyeurismus bedient wird? „Hier ganz bestimmt nicht“, betont sie und erklärt: „Von den elf Jury-Mitgliedern sind neun Frauen. Hier geht es nur um den Sport.“

Und Sport sei Gardetanz ganz gewiss. „Das ist fast wie Leistungssport, mit mindestens zweimal intensivem Training in der Woche.“ Der Gardetanz erfordere Ausdauer, Körperbeherrschung, Athletik „und Rhythmusgefühl wie beim Ballett“. Hinzu komme die Choreografie. Es gibt noch manche Außerdems. Etwa, dass „eine Gruppe sich verstehen und zu einer Einheit verschmelzen muss, was viele Jahre Arbeit bedeutet“. Und der Auftritt selbst, das sei „wie fünf Minuten Hundertmeterlauf.“ Außerdem sei künstlerischer Ausdruck gefordert: „Haben Sie schon Mal Hundertmeterläufer gesehen, die unterwegs strahlen und lächeln“, fragt Sattler.

Derweil geht der Wettbewerb auf der Bühne zügig voran. Gruppe um Gruppe der mittleren Altersgruppe tritt auf. Nun sind die Favoriten und Sieger des Vorjahres dran, die „Grüne Garde“ der „Filderer“. Battements, Russisches Rad und Stehspagat, Grätsch- und Spagatsprünge, alles aus einer perfekt fließenden Choreographie heraus: „Dieses Rad so synchron im Ensemble hinzubekommen, darin besteht die Kunst“, sagt Sattler mit einem Anflug von Begeisterung.

Die 34-Jährige, Kommunikationsmanagerin bei Bosch, hat kaum etwas auszusetzen an dem Auftritt. Als dann ob der hohen Wertung auf der Bühne und im Saal Jubel und Gekreische ertönt, ist das der Lärm der späteren Sieger. Doch als eine andere Truppe bei den Wertungen abstürzt, weiß Sattler, „wie geknickt die jetzt sind. Das wird viele Tränen geben“. Dann fügt sie hinzu: „Es muss eben alles auf den Punkt passen. Aber das ist wie auch sonst im Sport. Mal gewinnt man, mal verliert man. Und bald schon kommt die nächste Chance. Man muss nur unbeirrt weitermachen, mit Feuer und Fleiß.“