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Infoveranstaltung

„Das Problem ist am Ende der Hundeleine“

In einem Punkt waren sich Fachleute und Publikum einig: Das Problem hängt am Ende der Hundeleine, nicht an ihrem Anfang. Der Anlass für den Infoabend „Hundehaltung und gefährliche Hunde“ war ein schrecklicher: Im Juli hatte ein Hund einen Jungen ins Gesicht gebissen und schwer verletzt. Die Geschichte bewegt die Menschen, weit über das Bottwartal hinaus.

Kampfhund oder Familienhund? Die Erziehung macht’s.Foto: Natalia Guseva/stock.adobe.com
Kampfhund oder Familienhund? Die Erziehung macht’s. Foto: Natalia Guseva/stock.adobe.com

Oberstenfeld. Zur Vorgeschichte: Ende Juli war ein dreijähriger Junge auf dem Radweg zwischen dem Freibad Oberstenfeld und Beilstein von einem Hund angegriffen und schwer verletzt worden. Der 25-jährige Hundehalter war mit dem Rad an dem Kind vorbeigehfahren und hatte die 14 Monate alte Hündin – offenbar ein Kampfhund – an der Leine geführt. Das Tier hatte den Mann zu Boden gerissen und das Kind angefallen.

Der Vorfall hatte die Menschen über Oberstenfeld und Beilstein hinaus bewegt, In Gronau haben sich drei Frauen zusammengetan und eine Spendenaktion initiiert, um dem Jungen die bestmögliche gesichtschirurgische Behandlung zu ermöglichen. Es hatte Gerüchte gegeben, der Hund habe schon einmal zugebissen.

Die Bürgermeister der beiden Gemeinden, Markus Kleemann und Patrick Holl, waren in die Offensive gegangen und hatten zu einem Infoabend mit einem kompetent besetzten Podium in den Stiftskeller geladen. Das Publikum bestand – den Wortmeldungen nach zu urteilen – überwiegend aus Hundehaltern, auch aus Haltern von Kampfhunden, und sie kamen nicht nur aus den betroffenen Kommunen, sondern aus Lauffen, aus Erdmannhausen, aus Schwieberdingen – der Stiftskeller war voll besetzt, die Diskussion sachlich und engagiert, aber manchmal auch leicht resigniert: Manche Probleme dürften schwer lösbar sein und die Klientel, die Probleme macht, kommt nicht zu solchen Veranstaltungen.

Die häufig an diesem Abend angesprochene „Klientel“, sei tatsächlich nicht zu erreichen, sagte Bernhard Sinn, Leiter der Polizeihundestaffel Ludwigsburg: „Für die sind Hunde eine Verlängerung des männlichen Geschlechtsteils, die leben im Verborgenen.“ Allerdings lehnte er es auch ab, Leute, die Kampfhunde halten, vorzuverurteilen: Angemeldete Kampfhunde seien meist besser erzogen als viele Haus- und Hofhunde. Dafür nannte er Zahlen: In den vergangenen zwölf Jahren musste sich die Polizeihundeführerstaffel in Ludwigsburg mit 2500 „Beißvorfällen“ beschäftigen; nur in fünf Fällen waren Kampfhunde beteiligt.

Was gilt überhaupt als Kampfhund? Bernhard Sinn nannte Namen, zeigte Bilder, erläuterte die Geschichte dieser „großvolumigen“ Hunde, Molosser genannt. Es sind massige Hütehunde, durch Zucht aggressiv gemacht, als Kampfhunde in Kriegen eingesetzt, für Hundekämpfe missbraucht (Sinn: „Unter Elisabeth I. in England waren das gesellschaftliche Ereignisse, heute werden dabei hunderttausende Euro verzockt!“). Ein Kampfhund entstehe nicht in einer Generation, sondern in Jahrhunderten, und er sei nur aggressiv, wenn Menschen das fördern, so Sinn.

Seit dem Jahr 2000 ist die Kampfhundeverordnung in Kraft, die drei Hunderassen – American Staffordshire Terrier, Bullterrier und Pit Bull Terrier – grundsätzlich als besonders aggressiv und gefährlich einstuft. Neun weitere Hunderassen stehen ebenfalls auf der Liste, die der Polizeihundeführer für „suboptimal“ hält und die auch von Bundesland zu Bundesland variiert. Sinn: „Ein Bullterrier kann ein ganz normaler Familienhund sein; auch ein Pitbull ist ein toller Hund, aber in den falschen Händen eine Waffe.“

Andererseits: Der Kangal, ein türkischer Hirtenhund, ein „reiner Arbeitshund an der Herde“ steht auf keiner Liste, aber Sinn sagt: „Wir raten grundsätzlich ab, sich so einen Hund anzuschaffen, die Tierheime sind voll davon.“ Denn die Welpen sind niedlich, die ausgewachsenen Hunde hingegen riesig, anspruchsvoll und nichts für eine Stadtwohnung. Überhaupt: „Wer acht Stunden ins Geschäft geht und abends lieber auf dem Sofa liegt, braucht keinen Hund“, findet Sinn und rät zu „Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung!“ – bevor man sich einen Hund anschafft. Im Übrigen könne jeder Hund ein gefährlicher Hund sein, wenn er „von hinten“ – sprich: vom Menschen – nicht richtig geführt wird. Dafür gab es viel Applaus aus dem Publikum. Was dagegen hilft : Eine gründliche Ausbildung.

Das sieht auch Dr. Monika Spieck-Kächele, die Leiterin des Veterinäramts Ludwigsburg so: „Das ist das A und O. Der Hund muss bei Fuß gehen und zuverlässig gehorsam sein, sonst nützt die ganze Wesensprüfung nichts.“ Mit der Wesensprüfung, die vor einem im öffentlichen Dienst beschäftigten Tierarzt und einem Polizeihundeführer abzulegen ist, kann die Kampfhundeeigenschaft widerlegt werden. Sie nehme seit 20 Jahren diese Prüfung ab und in dieser Zeit habe sich das Publikum gewandelt: Weniger Hunde aus der „Klientel“, dafür zu 70 bis 80 Prozent Familienhunde. „Hunde die durch diese Prüfung kommen, sind gelassene Hunde mit einer hohen Reizschwelle“, sagt Monika Spieck-Kächele.

Er habe aber trotzdem Angst, sagte ein Mann aus dem Publikum, und woher solle man auch wissen, ob dieser Hund den Wesenstest bestanden hat? Ob man nicht einfach viel begangene Wege für Hunde sperren könne, um die Gefahr gerade für Kinder einzudämmen?

Ob hundefreie Bereiche rechtlich überhaupt möglich sind, müsse geprüft werden, gab Alexander Fleischmann, der stellvertretende Leiter der Polizeihundeführerstaffel zu bedenken. Nachdenkenswert sei der Vorschlag allemal.

Ina Wiedmann, die Vorsitzende des in Oberstenfeld ansässigen Boxerhundeclubs, die im Publikum saß, riet nachdrücklich zu einer Begleithundeprüfung durch einen Hundeverein: „Einen jungen Hund ausbilden bedeutet eineinhalb Jahre Arbeit und zehn Jahre Freiheit.“

Auch andere Vorschläge machten die Runde: Eine Reduzierung der Hundesteuer, wenn ein Hund die Begleithundeprüfung abgelegt hat. Einen deutschlandweit geltenden Hundeführerschein mit den gleichen Konsequenzen. Und: Den Hund niemals mit einer Flexileine ausführen – ein dringender Rat alle Experten auf dem Podium. Oder: Keine Online-Hundeanmeldung, sondern den Hund zur Anmeldung mitbringen.

Eine Schwierigkeit bleibt, dass (Kampf)hunde bei einem Umzug oder beim Verkauf des Tiers durchs Raster der Behörden fallen können. Der Gemeindevollzugsdienst sei zwar angewiesen, ein Auge auf Hunde zu haben, aber „man überprüft nicht anlasslos alle Hundehalter“, sagte Beilsteins Bürgermeister Patrick Holl. Er, wie auch die Polizisten appellierten: Die Behörde auf zweifelhafte Fälle aufmerksam zu machen sei kein Denunziantentum. Und im Übrigen gelte: Gegenseitiger Respekt statt Sätze wie: „Der will doch nur spielen.“

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