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Pop

Die Funkstille ist beendet

Ex-Pur-Musiker Roland Bless lässt auf seinem zweiten Soloalbum in sein Seelenleben blicken

Will sich mit seinem Album wieder in Erinnerung rufen: Roland Bless.Foto: privat
Will sich mit seinem Album wieder in Erinnerung rufen: Roland Bless. Foto: privat

Bietigheim-Bissingen. Ist das schon Schlager? In solchen Fragen ist Roland Bless weitgehend schmerzfrei. Ob seine Musik nunmehr Rock, Pop oder eben Schlager ist, dieses Urteil überlässt er am Ende jedem Hörer selbst. Für ihn gilt: „Wie auch immer man es nennt, das ist okay – jedenfalls hat es genug Tiefgang, es ist kein Schwachsinn, das war mein Anspruch.“ Für „Sternenstaub“, das zweite Solo-Album nach seiner Zeit bei Pur, hat er sich Zeit gelassen, acht Jahre, um genau zu sein. Die Gründe liegen nicht nur im künstlerischen Bereich, sondern auch im Privaten, nach einer Trennung standen andere Dinge im Vordergrund. Er war viel unterwegs, viel im Ausland – und hatte schließlich wieder Energie und Ideen „für zwei, drei Alben“, wie der 58-Jährige sagt.

Auf dem Nachfolgeralbum von „Zurück zu euch“ (2011) haben nun insgesamt zehn Songs Platz gefunden, die munter zwischen den Stilen pendeln und zudem musikalisch ordentlich gewandet sind. „Ich wollte hochkarätig produzieren und bin deshalb nach München gegangen – sonst hat man heutzutage keine Chance mehr mit einem Album“, sagt der Bietigheimer. Außer der E-Gitarre sind fast alle Instrumente von ihm selbst eingespielt. Live, erklärt er, spiele er in unterschiedlichen Besetzungen, mal stelle er dann eine Band zusammen, oft trete er aber auch einfach allein auf. Die Geschichten, die seine Songs erzählen, speisen sich aus seiner Lebenserfahrung, entweder hat er sie unmittelbar erlebt oder sie haben ihn bewegt, ob nun im guten oder auch im schlechten Sinne. „Das Leben hat immer zwei Seiten“, sagt er. So pendelt auch dieses sehr persönliche Album zwischen Hochgefühl und Beklemmung. „Authentischer geht’s nicht: Das bin ich, Roland Bless pur, sozusagen“, sagt er und lacht.

Kleine Besetzung, kleine Konzerte – genau das Richtige für ihn

Der Titel „Sternenstaub“ spielt auf die Vergänglichkeit des Lebens an, das er ins Verhältnis setzt zu dem, was wirklich zählt. „Als Musiker bin ich natürlich auch nur ein kleines Sandkorn“, betont Bless, „trotzdem kann ich auch etwas verändern – indem ich meine Botschaft hinausschreie in die Welt.“ Etwa in Songs wie das dreisprachige „Freiheit und Frieden“ („Andere Völker sind uns Freunde, für immer, jetzt und hier“) oder „Du fliegst mit den Sternen – Tugçe“, in dem es um die türkischstämmige Tugçe Albayrak geht, die 2014 in Offenbach am Main nach einem kurzen Wortgefecht von einem jungen Mann ins Koma geprügelt wurde und kurze Zeit später verstarb.

Er sei in Zeiten des Kalten Krieges aufgewachsen, erklärt Bless, mit dem Zusammenwachsen Europas habe sich vieles zum Positiven entwickelt, was sich auch an Ludwigsburg ablesen lasse, das bei Jugendlichen noch in den 80ern als deutlich weniger hip galt als Bietigheim-Bissingen. In Zeiten von Wladimir Putin und Donald Trump als Präsidenten der jahrzehntelangen Kontrahenten Russland und USA würden nun die alten Blöcke wieder aufgebaut. „Nicht ,wir sind das Volk‘ sollte es heutzutage heißen, sondern ,wir sind die Menschen‘“, findet Bless.

Den passenden Opener für das Album hat er mit „Ich will dich nie mehr verlieren“ sicherlich gefunden, ein schwungvoller Gitarren-Pop-Song mit Ohrwurmpotenzial. Die Anklänge an den traditionellen Pur-Sound sind nicht nur hier ganz deutlich, da kann er nicht aus seiner Haut – aber warum sollte er auch. Das Kapitel Pur, deren Mitbegründer, Schlagzeuger und Manager er über Jahrzehnte war, ist für ihn fester Teil seiner Biografie, mit dem er mittlerweile pragmatisch umgeht. 2010 trennten sich die Wege, damals war bereits alles erreicht, gleichzeitig gingen die Vorstellungen auseinander. „Der Turbo war einfach weg“, sagt Bless. Er habe mit seiner Musik stets Menschen verbinden wollen – die Auftritte in Fußballstadien, das alles war ihm längst zu groß, zu anonym geworden. „Ich bin dankbar für diese schöne Zeit, aber am Ende hat das alles für mich einfach nicht mehr gestimmt.“ Jetzt ist er froh, beides zu schreiben: Text und Musik, anders als früher bei Pur, wo die Aufgaben immer klar und unverrückbar verteilt waren. „Für mich ist es heute Luxus, ein bisschen Musik zu machen, die den Leuten gefällt – und das kann von mir aus lange so weitergehen“, sagt er, der sich nach längerer Funkstille mittlerweile mit Pur-Sänger Hartmut Engler ausgesprochen hat.

Roland Bless hat, so scheint es, wieder zu sich gefunden: Kleine Besetzung, kleine Konzerte, das ist genau das, was er machen möchte. Zwischen Timmendorfer Strand und Freudenstädter Marktplatz ist er eifrig unterwegs, kaum einen freien Tag hatte er in den vergangenen Monaten. „Die neuen Lieder kommen sehr gut an“, freut er sich. „Die Leute merken: Ich gebe mein Leben für die Musik.“ Eine Tour ist in Planung, etwa 20 größere Auftritte bundesweit soll es geben, von Hannover bis zum Bodensee. „Man muss sich ja wieder in Erinnerung rufen.“

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