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Die letzte jüdische Zeitzeugin ist tot

Die letzte jüdische Zeitzeugin ist tot

Mit Suse Underwood verliert das PKC eine zentrale Stütze seiner historischen Arbeit

Suse Underwood bei ihrem letzten Besuch 2015 in Freudental. Foto: privat
Suse Underwood bei ihrem letzten Besuch 2015 in Freudental. Foto: privat

Freudental/London. Als junge Frau war sie ein Schützling von Nobelpreisträger Elias Canetti und Gattin Veza, die ihre Ehe einfädelten, der Prager Auschwitz-Überlebende und Romancier H. G. Adler kümmerte sich um sie, sie gehörte zum Freundeskreis um Erich Fried, der österreichische Dichter Theodor Kramer und der Prager Denker Franz Baermann Steiner himmelten sie an: Suse Underwood, im Januar 1939 als zwölfjähriges jüdisches Mädchen dank Simon Meisners, des letzten jüdischen Lehrers in Freudental, mit einem Kindertransport nach England gerettet, war mit der halben deutschen Literaturgeschichte im Exil bekannt. Am Dienstag ist sie im Alter von 93 Jahren in ihrer Wohnung in London gestorben.

Suse Underwood verlor sehr früh ihre Mutter, ihr Vater war schwer krank. So wuchs sie bei einer Tante in Heilbronn auf, besuchte von dort aus oft eine weitere Schwester ihrer Mutter, Sidonie Herrmann, und deren Familie in Freudental. Lehrer Meisner, der bei den Herrmanns wohnte und alles versuchte, um die wenigen jüdischen Kinder im Flecken in Sicherheit zu bringen, nahm auch Suse Schwarzwälder – so hieß sie damals – unter seine Fittiche. Und die nahm, als sie nach England flüchtete, auch ihre Erinnerungen an Freudental, ihre Familie und die jüdische Gemeinde mit auf die Insel.

Dort konnte sie überleben – im Gegensatz zu ihrer gesamten Freudentaler und Teilen ihrer Heilbronner Verwandten, die in der Shoah ermordet wurden. Die Erinnerung an sie wachzuhalten, wurde für sie zur lebenslangen Verpflichtung – schon früh unterstützte sie Theobald Nebel bei seinen Studien zur Geschichte der Freudentaler Juden.

Bald ergaben sich Kontakte zum PKC in der ehemaligen Synagoge, Suse Underwood besuchte Freudental mehrfach, zuletzt zu einer Buchvorstellung 2015. Sie stellte der Forschung Familienfotos und -korrespondenz zur Verfügung (die Originale liegen im Imperial War Museum), identifizierte Freudentaler Juden auf anderen Aufnahmen. Ohne sie hätte die Geschichte der Freudentaler Juden nie so umfangreich erforscht werden können, wie sie es dank ihrer ist. Umgekehrt führte sie Besuchergruppen des PKC durch ihr London, das des Exils. Fotos aus dem Besitz der Underwoods sind daher auch ins Marbacher Literaturarchiv gelangt. Eine Zeitzeugin, die mit ihr vergleichbar wäre, gibt es fürs jüdische Freudental, wo sie doch nie gewohnt hatte, nun nicht mehr.

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