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Vereinsgründung

Die offene Gesellschaft hofft auf viele Gäste

Der Verein ist erst wenige Wochen alt und heißt Asperg Anders. Durchs Fenster des aktuellen „Vereinsheims“ in der Bahnhofstraße 44 sieht man ein paar Möbel und ein Plakat. „Heute Offene Gesellschaft“ ist darauf zu lesen. Ein Hinweis, der Programm ist: Nachhaltigkeit und Demokratiebildung sind die beiden großen Themen, um die sich der junge Verein kümmern will.

Transparenter Raum für offene Gespräche: Nora Oehmichen (links) und Andrea Weyrauch wollen mit Asperg Anders für Nachhaltigkeit und Demokratie werben. Fotos: Bürkle, Theiss
Transparenter Raum für offene Gespräche: Nora Oehmichen (links) und Andrea Weyrauch wollen mit Asperg Anders für Nachhaltigkeit und Demokratie werben. Foto: Bürkle, Theiss
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Foto: Bürkle, Theiss

Asperg. Man muss nicht gleich an den britisch-österreichischen Philosophen Karl Popper und sein liberales Gesellschafts- und Demokratiemodell denken, wenn man von offener Gesellschaft spricht. Man kann den Ausdruck auch ganz praktisch verstehen: als jeder und jedem offenstehende Möglichkeit, mit anderen in Kontakt zu treten. Und primär geht es den Vereinsgründerinnen Nora Oehmichen und Andrea Weyrauch auch genau darum: Das Vereinslokal in der Bahnhofstraße soll zum offenen Treffpunkt für Menschen werden, die das freie Gespräch mit Gleich-und Andersgesinnten suchen und es denkbar finden, auf dieser Basis gemeinsame Projekte zu entwickeln.

Dabei soll es dann aber durchaus um die offene Gesellschaft in Poppers Sinne gehen – um eine Demokratie, die ihre Pluralität als Stärke lebt und totalitären Tendenzen solidarisch widersteht. Für das Vorstandsduo Oehmichen/Weyrauch gehört dazu das Stichwort Nachhaltigkeit – individuell wie global. Denn in dieser Hinsicht hätten gerade die offenen, „entwickelten“ Gesellschaften der nördlichen Hemisphäre reichlich Entwicklungsbedarf, sagt Nora Oehmichen. Und es ist auch das Thema, das sie mit Andrea Weyrauch zusammengebracht hat – durch Vermittlung eines Bioladens, in dem beide Kundinnen sind.

Nachhaltigkeit beginnt für beide Frauen nämlich im eigenen Alltag: Sie habe lange geglaubt, dass sie als in Asperg lebende und in Vaihingen arbeitende Gymnasiallehrerin auf ein Auto angewiesen sei, erzählt Oehmichen. Aber, als sie darüber nachgedacht habe, hat sie festgestellt: „Ich brauche es nicht!“ Je konsequenter sie ihre Lebensführung nachhaltig gestaltet habe, desto freier und unabhängiger sei sie geworden.

In Asperg, finden die beiden Vereinsvorsitzenden, gebe es für ihre Themen – also Nachhaltigkeit und plurale Demokratie – noch zu wenig öffentliche Aufmerksamkeit. Das vorhandene Engagement, konstatiert Andrea Weyrauch, richte sich vorwiegend auf einzelne Aspekte. Weyrauch nennt die Leute vom Carsharing-Verein Stadtmobil oder vom AK Asyl. Asperg Anders, hofft sie, könne auch bereits engagierte Menschen an einen Tisch bringen, Kräfte bündeln und neue, gemeinsame Projekte anzetteln. „Wir grenzen niemanden aus“, sagt Weyrauch, jeder, der die Vereinsziele teilt oder sich auch nur einfach austauschen will, sei willkommen. Nora Oehmichen ist beispielsweise mit dem Asperger Gymnasiasten Markus Moskau, der in Ludwigsburg die Fridays-for-Future-Demos initiiert hat, in Kontakt getreten: Die Schüler, sagt sie, könnten sich ja durchaus in der Bahnhofstraße 44 treffen und dort ihre Spruchbänder und Plakate malen.

Das Vereinslokal ist zunächst auf drei Monate gemietet. Was daraus wird – das wollen die inzwischen zehn Vereinsaktiven gemeinsam mit denen entscheiden, die sich ihnen in diesem Vierteljahr anschließen, mit ihnen austauschen, neue Ideen ausbrüten und Pläne schmieden und verwirklichen wollen. Am kommenden Samstag, 23. Februar, will der Verein den Aspergern sich und seine Räume vorstellen, mit themenorientierten Gesprächsangeboten, praktischen Nachhaltigkeitstipps, Mitmachaktionen, einem Kreativstand und einer – natürlich nachhaltig bewirtschafteten – Kaffeebar. Nora Oehmichen, Andrea Weyrauch und ihre acht Mitstreiter hoffen auf viele Interessenten und neue Impulse.

Erstmals auf sich aufmerksam gemacht hat Asperg Anders übrigens schon im vorigen Jahr mit einer „Tafel für alle“ in der Stadtmitte. Damals war die Gruppe noch kein Verein und hieß „Initiative Projektcafé“. Der Name knüpfte an einen Wunsch Andrea Weyrauchs an, die ein Biocafé in Asperg vermisst. Ob das Vereinslokal in der Bahnhofstraße 44 eines Tages dazu wird? Das bleibt abzuwarten, sicher ist nur: Die Zukunft der „offenen Gesellschaften“, die sich dort treffen werden, ist derzeit noch so offen, wie es die Treffen und der Austausch derer sein sollen, die neugierig aufs „andere“ Asperg sind.

Info: Der Verein Asperg Anders stellt sich und seine Räume in der Bahnhofstraße 44 am kommenden Samstag, 23. Februar, vor, Interessierte sind von 11 bis 18 Uhr willkommen.

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