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Verkehr

Fahrschulen fühlen sich ausgebremst

Kritik an langen Bearbeitungszeiten der Anträge – Fahrlehrerberuf im Wandel – Auslastung der Betriebe zufriedenstellend

Die Fahrschulen und der Fahrlehrerberuf befinden sich im Wandel. Noch immer fehlen Fahrlehrer. Verantwortlich sind die Elektromobilität, veränderte Kundenstrukturen, Arbeitszeiten, Löhne und die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Foto: Swen Pförtner
Die Fahrschulen und der Fahrlehrerberuf befinden sich im Wandel. Noch immer fehlen Fahrlehrer. Verantwortlich sind die Elektromobilität, veränderte Kundenstrukturen, Arbeitszeiten, Löhne und die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Foto: Swen Pförtner/dpa

Ludwigsburg/Korntal-Münchingen. Der Fahrlehrerberuf hat sich zum Mangelberuf entwickelt. Gerade noch 44.000 Fahrlehrer saßen in Deutschland im vergangenen Jahr neben ihren Schülern im Auto (2011: 50.000). Seit Jahren schrumpft die Zahl der Fahrschulen – auf 11.000 im Jahr 2018 (2007:13.150). Davon sind 900 in Baden-Württemberg tätig. Wandel und Konzentrationsprozesse mit Fusionen und Übernahmen sind auch im Land zu beobachten – hin zu weniger, dafür größeren Fahrschulen mit mehreren Betriebsstellen.

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„Mit der Reform des Fahrlehrerrechts Anfang 2018 hat sich viel zum Besseren verändert.“

Jochen Klima
Landesvorsitzender des Fahrlehrerverbandes

Einige der 86 Fahrschulen im Landkreis Ludwigsburg suchen derzeit auf einschlägigen Jobportalen händeringend nach Fahrlehrern. Der Eintrittstermin: „Ab sofort“ vermittelt Dringlichkeit. „Es gibt kaum eine Fahrschule, die nicht einen oder mehr Fahrlehrer einstellen würde!“ So hatte die Einschätzung von Ralf Nicolai schon im vergangenen Jahr gelautet. „Fahrlehrer sind gesucht“, so der Kreisvorsitzende des Fahrlehrerverbandes, der schätzte, dass im Landkreis etwa 100 Fahrlehrer fehlten. Von einem „Mangelberuf im Wandel“ sprach auch Jochen Klima, der Landesvorsitzende des Fahrlehrerverbandes in Korntal-Münchingen. Der Mangel scheint sich jedoch im Raum Ludwigsburg mittlerweile etwas abgemildert zu haben. Im Wandel befinden sich die Fahrschulen und der Fahrlehrerberuf noch immer – die Elektromobilität, die Struktur der Kunden, der demografische Wandel und die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind dafür verantwortlich.

„Mit der Reform des Fahrlehrerrechts Anfang 2018 hat sich viel zum Besseren verändert“, betont Klima im Gespräch mit unserer Zeitung. Als Folge brauche man heute als Fahrlehrer nicht mehr zwangsweise einen Motorrad- oder Lkw-Führerschein. Damit sei der Beruf für Frauen etwas attraktiver geworden. So hat die Zahl der angestellten Fahrlehrerinnen bereits 2018 um 4,4 Prozent auf 444 zugelegt. Zugleich ist allerdings die Zahl der selbstständigen Frauen um 13 auf 89 geschrumpft. Die Fahrlehrerausbildungsstätten im Land seien zudem gut besucht. Klima zeigt sich recht optimistisch, was den Berufsstand angeht – und die wirtschaftliche Lage der Fahrschulen. Denn die Auslastung der Fahrschulen im Südwesten bewegt sich wie schon im vergangenen Jahr auf einem befriedigenden Niveau. „Die Frage ist, ob die Fahrlehrer auch Fahrlehrer bleiben“, sagt Klima. „Es ist kein Beruf mit familienfreundlichen Arbeitszeiten.“ Zudem liege das Durchschnittsalter der Fahrlehrer bei 55 Jahren. Und bei allem Optimismus: „Die Hälfte der derzeit aktiven Fahrlehrer geht in den nächsten zehn Jahren in den Ruhestand“, gibt der Verbandschef zu bedenken. Die Branche hat also alle Hände voll zu tun, auch weiterhin den benötigten Berufsnachwuchs zu gewinnen.

Die Fahrschulen in der Region fühlen sich allerdings vom Landratsamt Ludwigsburg ausgebremst. „Wenn Prüflinge den Antrag auf die Erteilung einer Fahrerlaubnis stellen, kann die Wartezeit bis zu fünf Monaten dauern“, betont Klima. Und das Landratsamt verweise auf Personalmangel. „Landesweit sind vier bis sechs Wochen üblich“, ergänzt sein Stellvertreter Nicolai. „Die Kollegen beschweren sich“, sagt der Verbandschef: „Wenn ein im Frühsommer fertig ausgebildeter Motorradfahrer bis in den Herbst hinein weder die theoretische noch die praktische Prüfung machen kann, ist das sehr ärgerlich.“

Das Landratsamts wiederum hofft, in den nächsten Monaten zu normalen Bearbeitungszeiten zurückkehren zu können. Die Zeiten konnten zwar bereits wieder verkürzt werden. „Bei den Ersterteilungen sind es aber immer noch etwa zehn Wochen“, sagt ein Sprecher des Landratsamts dazu. Und: „Auch andere Landkreise leiden an denselben Problemen.“ Ursächlich seien seit längerer Zeit unbesetzte Stellen, da es immer schwieriger werde, qualifiziertes Personal zu gewinnen. Aber: „Mittlerweile ist es uns gelungen, die offenen Stellen neu zu besetzen.“ Die neuen Mitarbeiter sollen in den nächsten Wochen ihre Arbeit aufnehmen. „Als Sofortmaßnahmen schließen wir derzeit ganztägig an Dienstagen und Freitagen die Fahrerlaubnisbehörde.“

Im Wandel ist auch im Südwesten die ganze Führerschein-Klientel. Noch vor ein paar Jahren habe man den Betrieben geraten, sich aufgrund der alternden Gesellschaft weitere Standbeine zu suchen. „Heute sehen sie sich von einem Ansturm überrannt“, schildert der Verbandschef die Erfahrungen in der Branche. „Wir haben einen Ansturm von Flüchtlingen“, so Klima, die Autofahren lernen wollen. „Arabisch ist die meistgeprüfte Sprache bei der Theorieprüfung.“ Der Anteil sei so hoch wie bei allen anderen Fremdsprachen zusammen. Zudem werde die Zahl der Führerscheinkunden spätestens Ende des nächstens Jahrzehnts wieder ansteigen. „Wenn die Zahl der Neugeborenen oder der Erstklässler steigt, nimmt Jahre später die Zahl der Führerscheinanwärter zu“, so Klima.

Doch es gibt auch noch einen Wandel bei der jugendlichen Klientel. „Das Interesse am Fahren um des Fahrens willen, am Selbstfahren, ist viel geringer als in früheren Jahren“, konstatiert der Verbandschef mit Blick auf die Generation Handy oder die sogenannte Generation Z – also die zwischen 1997 und 2012 Geborenen. Offenbar hat der Führerschein zum 18. Geburtstag für sie seinen früheren hohen Stellenwert verloren. „Nicht wenige machen erst mit 22 oder 24 Jahren den Führerschein“ – dann, wenn sie ihn auch beruflich brauchen. Dabei steigen die Durchfallquoten bei der Ersterteilung der Führerscheine landesweit an – auf 29,6 Prozent bei den praktischen Prüfungen und 40,5 Prozent bei der Theorieprüfung. Klima führt dies auch auf die computergenerierten Prüfungsfragen zurück – und beliebig häufige Wiederholungsprüfungen. „Das Durchfallen ist heutzutage keine Schande mehr.“ Das Bestehen der Prüfung beim ersten Mal habe wohl nicht mehr wie früher ein entsprechendes Sozialprestige.

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