Logo

Finanzen

Geld aus dem Gully stinkt nicht

Es gibt Menschen, die das Geld geradezu zum Fenster rauswerfen. Nicht so Johann Raab aus dem Remsecker Stadtteil Hochberg. Der 62-Jährige haut den schnöden Mammon nicht einfach auf den Kopf, sondern entsorgt ihn dafür schon mal in einem Gully. Nicht weil er zu viel davon hat, sondern aus Protest. So geschehen am Donnerstag vor der Volksbankfiliale in Aldingen.

Aus diesem Beutel heraus hat Johann Raab 12,8 Kilo Kleingeld in den Gully vor der Volksbank Remseck geschüttet. Fotos: Holm Wolschendorf/Volksbank Remseck/privat
Aus diesem Beutel heraus hat Johann Raab 12,8 Kilo Kleingeld in den Gully vor der Volksbank Remseck geschüttet. Foto: Holm Wolschendorf/Volksbank Remseck/privat

Remseck. „Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert“, sagt der Volksmund. Das denkt sich auch Johann Raab und legt schön brav immer wieder etwas Kleingeld zur Seite, um es zu sparen. Er macht dies aber weder für einen Urlaub noch für eine größere Anschaffung. Das Geld ist vielmehr für seinen elfjährigen Enkel gedacht, der seit seiner Geburt schwerstbehindert ist. „Wenn der Junge 18 Jahre alt ist, soll er es kriegen“, sagt Raab.

„Ich werde bei solchen Sachen entweder traurig oder wütend. In dem Fall habe ich mich dafür entschieden, wütend zu werden.“

Johann Raab

Rund 1100 Euro hat er mittlerweile auf einem Extrakonto bei der Volksbank Remseck angespart. Einmal im Jahr bringt er die Kohle in einem Beutel zur Filiale in Aldingen. Sein Bankberater kennt ihn mittlerweile gut. Doch der ist an diesem Donnerstagvormittag nicht da: Urlaub! Stattdessen kümmert sich ein gut geschulter und freundlicher Auszubildender um den fleißigen Sparer und macht ihm klar, dass Münzen ab einer bestimmten Menge seit einem Monat nur noch gegen Gebühr entgegengenommen werden. Pro 100 Gramm Kleingeld sind 30 Cent fällig. Macht bei 12,8 Kilo, die Raab in seinem Beutel hat, abgerundet 36 Euro. Zahlbar auf Heller und Pfennig bei einem geschätzten Sparbetrag von 200 Euro.

Als der Groschen fällt und Raab merkt, dass er die Dienstleistung plötzlich nicht mehr für ’n Appel und ’n Ei bekommt, wird der sonst sehr besonnene Mann sauer und verlässt fluchtartig die Bankfiliale. Da kann man den Zaster doch gleich in den Gully direkt vor dem Gebäude werfen, denkt sich der 62-Jährige und setzt den Gedanken flugs in die Tat um. Und so landen 12,8 Kilo Kleingeld in einer der vielen eisernen Pforten zur Aldinger Kanalisation. Was nicht auf Anhieb im dunklen Schlund verschwindet, fegt der Mann mit der Hand rein. So viel Ordnung muss sein. Zwei Passantinnen wundern sich und spazieren nach kurzer Aufklärung kopfschüttelnd weiter.

„Es ist verrückt und blöd, ich weiß“, sagt Raab im Gespräch mit unserer Zeitung, „doch ich musste meinen Ärger irgendwie loswerden.“ Gleichzeitig wollte er „ein Statement abgeben gegenüber den Machenschaften der Banken“. Wenn das Sparen derart hohe Folgekosten nach sich zieht, finde er das einfach unverschämt.

Die Volksbank Remseck unterdessen möchte das auf diese Weise eingenommene Geld keineswegs auf die hohe Kante legen oder damit gar reich wie Krösus werden. „Wir müssen für die Entsorgung des Kleingelds an die Bundesbank sehr viel Geld bezahlen“, klärt Vorstand Oliver Hoidn auf. Der hierfür zu zahlende Betrag werde ebenfalls nach Gewicht berechnet. „Damit das kostendeckend bleibt, müssen wir die Annahme von Kleingeld künftig unseren Kunden berechnen“, sagt Hoidn. Aber nur ab einem Geldgewicht von 500 Gramm. Und: Kinder und Jugendliche zahlen nix. Genauso wenig Omas und Opas, die Geld aufs Konto ihres Enkels einzahlen.

Damit wäre Johann Raab ja eigentlich raus aus der Geschichte gewesen. „Ja“, räumt Oliver Hoidn ein. Der Auszubildende, der sich um Raab kümmerte, hätte „vielleicht nicht genügend Fingerspitzengefühl“ bewiesen. Die Remsecker Volksbank sei übrigens mit dieser Vorgehensweise bei Weitem nicht die einzige.

Doch es wird Kundennähe bewiesen – mehr als nötig. Der Plan: Mitarbeiter der Bank holen das Geld aus dem Gully und schreiben den Betrag dem Konto von Johann Raab gut. Schließlich heißt es nicht umsonst: „Wer den Pfennig nicht ehrt...“ Aber das hatten wir schon. Da sich der Gullydeckel nicht ohne Spezialwerkzeug heben lässt, holt sich Oliver Hoidn Amtshilfe von den Technischen Diensten der Stadt Remseck. Zwei Bauhofmitarbeiter machen sich am Freitagmorgen auf den Weg und klauben das Moos heraus. Dass Geld nicht stinkt, können die beiden nicht bestätigen. Etwa 30 bis 45 Minuten haben sie inklusive Anfahrt benötigt. Die Verwaltung werde eine Rechnung für die Hilfsaktion schicken, machen sie deutlich. 50 bis 100 Euro wird der Einsatz wohl kosten, heißt es vonseiten der Verwaltung auf Nachfrage. Dennoch lässt Bankvorstand Hoidn noch etwas springen und gibt den Männern ein Trinkgeld mit auf den Weg. Soll keiner sagen, die Arbeit wäre der Volksbank keinen roten Heller wert.

Gerade mal 24 Stunden lagen die Geldmünzen im Sieb des Gullys, doch sie sind so schmutzig, als hätten sie ein halbes Jahr dort verbracht. „Wir machen gerade Geldwäsche“, lautet somit auch der Kommentar von Oliver Hoidn auf die Nachfrage, wie viel Geld denn gerettet werden konnte. Weil das Sieb ein Leck hatte, sind knapp fünf Euro wohl auf ewig verschwunden. Der Rest der Münzen muss gereinigt und getrocknet werden. Erst dann dürfen sie in die Zählmaschine. Weil das Prozedere zu viel Zeit in Anspruch nimmt, ist am Freitag auch kein Ergebnis zu erwarten. „Doch Oliver Hoidn hätte den Betrag eh nicht verraten. „Das Bankgeheimnis...“, sagt der Finanzexperte.

Johann Raab weiß das Engagement der Bank zu schätzen, steht aber nach wie vor zu seiner kuriosen Aktion: „Ich werde bei solchen Sachen entweder traurig oder wütend. In dem Fall habe ich mich dafür entschieden, wütend zu werden.“

Autor: