Grünes Licht für zweites Kraftwerk

Es ist amtlich: Wie bereits in unserer gestrigen Ausgabe kurz gemeldet, wird Marbach Standort für eine sogenannte Netzstabilitätsanlage des Energieversorgers EnBW. Er hat den Zuschlag von Transnet BW erhalten. Die Anlage soll schon im Oktober 2022 in Betrieb gehen.

Am westlichen Ende des Energie- und Technologieparks am Neckar soll die Netzstabilitätsanlage (rot umrandet) entstehen. Der Kamin des Gasturbinenkraftwerks soll nach jüngsten Angaben der Bauherrin EnBW 80 Meter hoch werden. Oben in der Visualisierung sind die Öltanks zu sehen, in denen der Jahresbedarf der Anlage gelagert werden kann. Foto: Wolschendorf, Visualisierung: EnBW

Marbach.Die EnBW kann aufgrund dieser Entscheidung im Energie- und Technologiepark am Neckar ein Gasturbinenkraftwerk mit einer Leistung von 300 Megawatt bauen. Wobei der Begriff Gas etwas irreführend ist, denn als Brennstoff wird leichtes Heizöl verwendet werden. Anders als das bereits bestehende Ölheizkraftwerk der EnBW, das lediglich als Reserve dient, wenn die Nachfrage nach Strom größer als die Produktion ist und das ungefähr 40 Stunden im Jahr läuft, soll die neue Anlage nur dann angefahren werden, wenn andere Kraftwerke komplett ausfallen und die Versorgungssicherheit gefährdet ist.

Die Notwendigkeit der Anlage wird letztlich mit der Energiewende begründet: Wenn 2022 wie geplant alle Atomkraftwerke vom Netz gehen, werden noch keine ausreichenden Leitungskapazitäten aufgebaut sein, um zum Beispiel den von Windparks in der Nordsee erzeugten Strom nach Süden zu bringen; der Streit um den Verlauf entsprechender Trassen hält an. Deshalb hatten die sogenannten Übertragungsnetzbetreiber Transnet BW, Amprion und Tennet vor gut einem Jahr Bau und Betrieb von vier Stabilitätsanlagen mit jeweils 300 Megawatt Kapazität ausgeschrieben; eine dieser Anlagen wird nun in Marbach entstehen.

Rainer Pflaum, Geschäftsführer von Transnet BW, sagt dazu: „Hinter uns liegt ein anspruchsvolles Ausschreibungsverfahren, denn es galt, ein völlig neuartiges Produkt zu beschaffen, den Zugriff auf eine Kapazität, die flexibel und verlässlich hilft, das Stromnetz zu stabilisieren.“ Er betont auch, dass die Anlage nicht dazu diene, Strom zu produzieren und zu verkaufen; sie werde nur auf Anforderung der Transnet BW eingesetzt.

Die EnBW ist naturgemäß mit dieser Entscheidung zufrieden und hat in den vergangenen Monaten bereits weiter an den Plänen gearbeitet. In einer Pressemitteilung heißt es unter anderem, dass sich die Höhe des erforderlichen Schornsteins voraussichtlich auf 80 Meter reduzieren ließe; bislang war von 95 Metern die Rede gewesen. Zum Vergleich: Der bestehende Kraftwerksturm samt Kamin bringt es auf 160 Meter. Wie der Energiekonzern weiter mitteilt, wurde inzwischen auf dem Gelände im Energie- und Technologiepark auch der Standort einer Wasseraufbereitungsanlage festgelegt; sie soll zur Verringerung der CO2-Emissionen beitragen.

Ohnehin fürchtet die EnBW trotz des Einsatzes von Heizöl „keine wesentliche Auswirkung auf die Umwelt“, da lediglich „sehr geringe Einsatzzeiten der Anlage erwartet werden und auch für Gasturbinen, die mit Heizöl betrieben werden, heute niedrige Emissionsgrenzwerte gelten.“

Die Verwendung eines (endlichen) fossilen Brennstoffs begründet das Unternehmen mit der „hohen und zuverlässigen Verfügbarkeit“, die von der Anlage gefordert wird. In Marbach könne der maximale Ölbedarf für ein ganzes Jahr in den bereits vorhandenen Tanks gelagert werden, so dass man unabhängig von möglichen Lieferengpässen sei, wie sie bei anderen Brennstoffen eintreten könnten. Damit spielt die EnBW offenbar auf Erdgas und dessen politisch nicht ganz einfach auszurechnenden Lieferanten Russland an.

Bürgermeister Jan Trost kommentiert den Zuschlag für Marbach „mit einem lachenden und einem weinenden Auge“. Lachend, weil die große Investition der EnBW – es geht immerhin um rund 100 Millionen Euro – ein „kleines Konjunkturprogramm“ für die Region sei, weinend, weil „die unendlich langen Verfahren zum Bau der Stromtrassen von Nord nach Süd den Einsatz einer solchen Brückentechnologie erst notwendig machen“.

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