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ÖPNV

Jetzt wird’s einfacher und billiger

Der VVS setzt ab kommenden Montag die größte Tarifreform in seiner Geschichte um. In Stuttgart gibt es künftig nur noch eine Zone, in den Landkreisen drumherum vier Ringe. Das Ziel: Das System deutlich günstiger und übersichtlicher zu machen. Antworten auf die wichtigsten Fragen.

kr- S-Bahn am Viadukt Marbach Foto: Holm Wolschendorf
kr- S-Bahn am Viadukt Marbach Foto: Holm Wolschendorf
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Kreis Ludwigsburg. An der Stuttgarter Stadtbahnhaltestelle Mineralbäder hat der VVS am Mittwoch eine Mauer aufgebaut. Darauf steht: „Über 40 Problemzonen weniger“. Es ist der Slogan, mit dem der Verkehrs- und Tarifverbund für die größte Reform seiner Geschichte wirbt – und die am 1. April in Kraft tritt. Kurz danach bringen der Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne), der Stuttgarter OB Fritz Kuhn und Landräte wie Ludwigsburgs Rainer Haas die Mauer zum Einsturz. Bei dem Aktionsort hat sich die Festgemeinde etwas gedacht: Hier verlief bisher die Stuttgarter Zonengrenze, die ab übermorgen der Vergangenheit angehört. Kuhn sagt: „Der neue VVS-Tarif macht den öffentlichen Nahverkehr so attraktiv wie nie zuvor.“ Er fährt mittlerweile nach eigenen Angaben privat nur noch mit Bussen und Bahnen. „Mein Auto habe ich abgeschafft.“

Wie sieht die Reform genau aus?

Aus mehr als 40 regionalen Zonen in Stuttgart und den vier Kreisen Ludwigsburg, Esslingen, Böblingen und Rems-Murr werden fünf Ringzonen. In Stuttgart selbst gibt es künftig nur noch eine, statt bisher zwei Zonen. Der Einzelfahrschein kostet dann pauschal 2,50 Euro. Davon profitieren auch Pendler, die in den Talkessel wollen. Laut VVS bietet Stuttgart nun im bundesweiten Vergleich der zehn größten Städte das günstigste Einzelticket an.

Was ist Sinn und Zweck der Reform?

Der VVS-Geschäftsführer Thomas Hachenberger sagt im Interview mit unserer Zeitung: „Wir wollen vor allem die Fahrt nach Stuttgart aus Luftreinhaltungsgründen verbilligen und Anreize für die Menschen in den Landkreisen schaffen, nicht mit dem Auto nach Stuttgart zu fahren.“

Wer profitiert – und wer nicht?

Zunächst einmal alle, die in die Stuttgarter Innenstadt fahren. Von Ludwigsburg aus braucht man kein Drei-Zonen-Ticket mehr für 4,20 Euro. Es reichen künftig zwei Zonen für 2,90 Euro aus, eine Ersparnis von 30 Prozent. Wer von Vaihingen nach Stuttgart will, zahlt für das Einzelticket 5,30 Euro statt 7,70 Euro. Aber auch innerhalb des Kreises wird es günstiger, verspricht der VVS.

Allerdings gibt es auch Fahrgäste, die keinen Preisvorteil haben werden. Die Tarife von Steinheim nach Ludwigsburg etwa bleiben gleich. In Beilstein sind Versuche, die Stadt aus dem Kreis Heilbronn in Zone fünf zu hieven, erfolglos geblieben – zu teuer. Aus diesem Grund verzichtet auch Korntal-Münchingen auf eine Zonenänderung.

Studenten oder Senioren, die mit Netzkarten unterwegs sind, profitieren ebenfalls kaum. Immerhin: 2019 verzichtet der VVS laut Hachenberger auf eine Tariferhöhung, die er sonst in schöner Regelmäßigkeit durchgezogen hat.

Welche Vergünstigungen gibt es?

Das Kurzstreckenticket, mit dem man bislang für eine Station 1,40 Euro statt etwa 2,90 Euro von Kornwestheim nach Zuffenhausen (zwei Zonen) zahlen musste, bleibt bestehen. Abgeschafft wird dagegen das vergünstigte Tagesticket in der Feinstaubsaison. Wer übrigens noch ein Vierer-Ticket hat, das ab 1. April billiger wird, kann es einreichen, der VVS erstattet dann den (Rest-)Wert.

Wer bezahlt das Ganze?

Die öffentliche Hand. Sie muss sich auf Kosten von mehr als 42 Millionen Euro pro Jahr einstellen, die entstehen, weil viele Fahrgäste künftig weniger Zonen befahren und einen geringeren Fahrpreis entrichten müssen.

Das Verkehrsministerium ist in den kommenden sechs Jahren aus Luftreinhaltungsgründen ebenfalls mit 42 Millionen Euro dabei. Die Landkreise (55 Prozent) und die Stadt Stuttgart (45 Prozent) müssen den Rest schultern. Der Ludwigsburger Landrat Haas sagt: „Das ist ein Kraftakt für alle.“

Wie viele Fahrgäste will der VVS dazugewinnen?

„Gutachter rechnen damit, dass wir durch die Tarifzonenreform 8,8 Millionen zusätzliche Fahrten bekommen“, sagt Hachenberger. Dazu kommen noch einmal fünf Millionen durch Leistungsverbesserungen. Das Jahr 2018 hat der VVS bereits mit einem Rekord von 374 Millionen Fahrten abgeschlossen.

Kann das System den Zuwachs überhaupt stemmen?

Fakt ist, dass S-Bahnen und Stadtbahnen in der Rushhour sehr voll sind. „Deshalb ist der Ausbau der Infrastruktur und der Kapazitäten wichtig“, sagt der VVS-Geschäftsführer. Er denkt an den ganztägigen 15-Minuten-Takt bei der S-Bahn und den Einsatz von Langzügen auf der Schiene. Der Vaihinger Hachenberger: „Wenn wir mittelfristig mehr Kapazitäten schaffen, werden wir sicher noch mehr Fahrgäste unterbringen können.“

Wie fallen die Reaktionen aus?

Euphorisch. Der Verkehrsminister Hermann sagt: „Uns ist ein großer Wurf gelungen.“ Der Landrat Haas hat beobachtet, dass „die Freude über die Tarifreform auf allen Seiten riesig ist“. Und selbst der sonst so kritische Chef des Fahrgastverbandes Verkehrsclub Deutschland, Matthias Lieb, lobt: „Es war in der Vergangenheit nicht üblich, dass die Fahrkarten billiger wurden.“

Info: Fahrgäste, die prüfen wollen, ob und wie viel sie für ihre Fahrten ab dem 1. April sparen, können das unter www.vvs.de/einfachmachen tun.

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