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Winzer

Jungwinzer des Jahres setzen auf pilzresistente Reben

Simon und Anja Gemmrich aus Beilstein verbinden bei ihren Weinkreationen modernen Lifestyle mit Nachhaltigkeit – Erntemenge 2018 etwas geringer

Die württembergische Weinkönigin Julia Böcklen, die Jungwinzer des Jahres Simon und Anja Gemmrich aus Beilstein, Weinprinzessin Aliena Zischewski und der Präsident des Weinbauverbands Württemberg, Hermann Hohl (von links). Bild: Thomas Faulhaber
Die württembergische Weinkönigin Julia Böcklen, die Jungwinzer des Jahres Simon und Anja Gemmrich aus Beilstein, Weinprinzessin Aliena Zischewski und der Präsident des Weinbauverbands Württemberg, Hermann Hohl (von links). Bild: Thomas Faulhaber

Weinsberg/Beilstein. Die württembergischen Jungwinzer 2019 kommen aus Beilstein. Es sind Anja und Simon Gemmrich aus Schmidhausen. „Innovative junge Menschen wie sie sind unsere Zukunft“, lobte der Weinbaupräsident Hermann Hohl.

Die Geschwister wollen die sogenannten Piwis (pilzwiderstandsfähige Sorten) salonfähig machen. Das sind Neuzüchtungen aus gängigen Sorten mit Wildreben. Sie sind extrem pilzresistent. Das bedeutet, es muss, wenn überhaupt, weniger gespritzt werden, und der Wengerter muss seltener hinein in die Steillagen. „Unkaputtbar“, haben die Gemmrichs diese komplett eigenständige Linie getauft, von denen sie sieben Sorten im Regal haben. Rund 20 Prozent der 8,5 Hektar Rebfläche sind damit bereits bestockt. „Es ist für jeden Geschmack etwas dabei, auch weil wir vieles im Holzfass ausbauen.“ Die Marketing-Strategie will vor allem der jüngeren Generation vermitteln, dass Wein modernen Lifestyle mit Nachhaltigkeit kombinieren kann. Die studierte Weinbetriebswirtin und der Weinbautechniker wollen dem Wein aus seinem altbackenen Image helfen. Auch wenn sie ihren Vater Bernd, der reihenweise Preise für seine Edelbrände sammelt, in einigen Punkten erst überzeugen mussten. Für die Familie ist „Unkaputtbar“ aber nach zweieinhalb Jahren zum „Held unter den Weinen“ geworden.

„Wir wollen mit unserer Strategie bewusst provozieren, um mit Kunden und Kollegen ins Gespräch zu kommen“, sagen die Gemmrichs. Man wolle mit diesem Projekt hinterfragen, wie mit der Umwelt umgegangen wird und die Bekanntheit von Piwi-Rebsorten steigern – sowohl bei den Einsteiger- als auch bei den Premiumweinen. „Wir brauchen mutige, junge, innovative Menschen wie sie“, waren sich die württembergische Weinkönigin Julia Böcklen und Hohl einig. Neue Akzente seien nötig, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Gleichzeitig beschwören sie die Treue zu Trollinger und Riesling.

Allerdings müsse der Konsument auch mitziehen und die Arbeit, die in den landschaftsprägenden Steillagen, bei den Genossenschaften und in den Kellern geleistet wird, auch entsprechend honoriert werden. „Der Einzelhandel stranguliert mit seinen Bedingungen den württembergischen Weinbau, bedroht damit Existenzen und das typische Landschaftbild“, so Hohl. Und der Handel mache 70 Prozent des Umsatzes aus. Der Durchschnittspreis für 0,75 Liter Wein liege bei 2,90 Euro. Um auskömmlich zu wirtschaften, brauche ein Steillagen-Winzer mindestens vier Euro, für Top-Produkte auch deutlich mehr. Einen Sinneswandel hin zur Regionalität fordert er, sonst sehe er mittelfristig schwarz für den Weinbau: „Es ist Zeit, Alarm zu schlagen.“ Denn Dumpingweine aus dem Ausland machten mittlerweile mehr als die Hälfte des Angebots in Supermärkten und Discountern aus.

Hohl fordert ebenfalls eine geförderte Universalversicherung für Umweltschäden wie Dürre oder Hagel und Stürme. Den Komplettausfall eines Jahres überlebe heutzutage kaum noch ein Betrieb. Dazu seien die Finanzreserven oft zu dünn. Außerdem müssten Maßnahmen wie Heizdrähte, Beregnungsanlagen bezuschusst werden. „Der Klimawandel ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe“, meint Hohl. Der Februar sei in diesem Jahr schon wieder wärmer gewesen als 2018. Die Stöcke treiben immer früher aus, fürchtet er erneut irreparable Frostschäden.

Die Erntemenge 2018 blieb mit 116 Millionen Litern um vier Millionen hinter den Erwartungen zurück. Aber die Qualität sei herausragend. „Der Jahrgang reiht sich ein in die Reihe der Jahrhundertjahrgänge“, so Hohl.

Vielleicht wird aber auch am Geschmack vorbei produziert? Vor allem der Trollinger ist auf dem absteigenden Ast. Immer weniger Wengerter lassen ihren Wein einer Qualitätsprüfung unterziehen. In den letzten 20 Jahren hat sich die Zahl der Weinbaubetriebe in Württemberg auf 8450 halbiert. Es lohnt sich einfach kaum noch.

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