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Verkehr

Lkw-Brand mit Ruhepuls von 60

Im neu entwickelten Tunnelsimulator können verschiedene Szenarien im Engelbergtunnel nachgestellt werden. Dabei kann vor allem getestet werden, ob geplante Änderungen bei der Betriebstechnik funktionieren werden.

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Simulationen im Computer und in der Realität, wie im November 2017, sollen helfen, die Sicherheit im Engelbergtunnel zu erhöhen.Fotos: Oliver Bürkle/Archiv, Julia Schweizer

Stuttgart/Gerlingen/Leonberg. Kurz nach 15 Uhr. In großen roten Lettern prangt plötzlich das Wort „Brandmeldealarm“ auf den Bildschirmen in der Straßenverkehrszentrale. Ein Lastwagen hat im Engelbergtunnel Feuer gefangen, der Rauch erreicht erst den Auslöser, dann verdunkelt er die Röhre immer mehr, auch das Kamerabild aus der zweiten wird immer schwärzer. Doch schon wenig später ist alles wieder wie zuvor – denn der Brandmeldealarm war nur Teil einer Simulation der im Tübinger Regierungspräsidium angesiedelten Abteilung am Pragsattel. Die Vorführung zeigte, dass alle Einrichtungen so funktioniert haben wie sie sollten – und ebenso der Tunnelsimulator.

Er ist Teil eines vom Bundesverkehrsministerium geförderten Pilotprojekts, dessen Anfänge im Jahr 2009 liegen, wie Referatsleiter Thomas Voit erläuterte. Drei Tunnel sollten mit einer Software nachgebaut werden und ein vollständiges Abbild der Realität der eingebauten Betriebstechnik liefern. Der Engelbergtunnel wurde in der Kategorie ausgewählt, für die nach Bauwerken mit getrennten Röhren sowie einer hohen Verkehrsbelastung und Komplexität der Anlagen gesucht wurde, die anderen beiden liegen in Nordbayern.

Ziel der neuen, eine Million Euro teuren Simulation ist es, Sperrungen des Engelbergtunnels für Tests zur Lüftungsanlage – wie etwa denen zum Abzug von Brandrauch im vergangenen November – zu reduzieren. Damals mussten von den rund 200 möglichen Szenarien – Brände abhängig von Faktoren wie der Intensität, dem genauen Ort oder dem vorhandenen Luftdruck im Tunnel – nur zehn stichprobenartig umgesetzt und durch ein Institut überprüft werden, ob die Lüftung und weitere Anlagen einwandfrei funktionieren (wir berichteten). Mehr als 14 Tage am Stück war die Software mit der Berechnung aller Szenarien beschäftigt.

Ihre Feuertaufe habe die mit unzähligen Erfahrungswerten tatsächlicher Brände gefütterte Simulation dabei bestanden, sagte nun der zuständige Planungsingenieur Nikolaus Wolf. Denn bei den Brandrauchtests hätten sich die Ergebnisse der jeweiligen vorangegangenen Simulation zu 100 Prozent bestätigt. Mit dieser hatte man eine erste Änderung am Lüftungsprogramm – notwendig geworden, weil aufgrund geänderter Vorschriften die Verbindungen zwischen den Röhren („Querschläge“) mit Türen verschlossen werden mussten – zuvor getestet, ehe sie in die Betriebstechnik eingespielt wurde.

Wichtig ist die Softwareentwicklung vor allem für das, was dem wegen seiner Lage im aufquellenden Anhydrit sanierungsbedürftigen Engelbergtunnel noch bevorsteht. Denn vom kommenden Jahr an müssen dessen Wände und Decken verstärkt werden, zudem gibt es zahlreiche Änderungen, die man ebenfalls vorab testen kann, ehe man sie in die Betriebstechnik einspielt. Geplant oder schon umgesetzt sind Maßnahmen wie bessere Rettungswege für die Bauarbeiter oder neue Verkehrszeichenbrücken und Schranken an den Portalen, damit kein Fahrer mehr in den Tunnel gelangt.

So wie am Montagnachmittag. Thomas Anfang, Entwickler bei einer Softwarefirma, wählt aus, ob ein kleines Auto, ein Lastwagen oder ein Tankzug brennen soll, an welchem Abschnitt es passiert, wie viel Verkehr zu diesem Zeitpunkt unterwegs und wie die Witterung ist. Dann heißt es etwa sechs Minuten lang warten, bis die Situation in der Simulation so ist, wie es in der Realität wäre. Auf dem Bildschirm, der den Verkehrsfluss im Tunnel simuliert, sieht man, wie die Autos anhalten. Flammen schlagen allerdings keine hervor, diese hätte man ebenfalls von der Software berechnen lassen müssen, seien aber nicht nötig, so Wolf. Interessant sei vielmehr die Rauchentwicklung. Und die ist stimmig, ebenso wie der Temperaturanstieg und schließlich der Alarm. Die Arbeit für die Simulation ist damit beendet, „nun übernimmt die Feuerwehr die Befehlsgewalt“, schildert Wolf, wie es im Ernstfall weitergehen würde – während Anfang „mit Ruhepuls von 60 und ohne Adrenalin“ vor den Bildschirmen sitzt, wie Regierungspräsident Klaus Tappeser scherzt.

Erst wenn alles gelöscht und der Tunnel auf seine Funktionsfähigkeit hin überprüft sei, würde die Autobahnmeisterei Ludwigsburg das melden. Danach übernimmt die Straßenverkehrszentrale wieder die übliche Rund-um-die-Uhr-Überwachung.

Doch auch wenn die Tunnelsimulation bislang einwandfrei funktioniert (Wolf: „Wir haben viel erreicht. Darauf sind wir alle stolz.“) – die Arbeit geht den Entwicklern nicht aus. Denn zum einen stehen weitere Tests an, nicht nur wegen der Sanierung, sondern weil neue Vorschriften die Komplexität der Betriebstechnik weiter erhöhen. Zudem habe man vom Ministerium grünes Licht erhalten, die Simulation zu ergänzen. Damit könne künftig – die Entwicklungszeit wird grob mit je einem Jahr angegeben – auch die Verkehrstechnik oder die Beleuchtung vorab getestet werden, ebenso ist all das auch für andere Tunnels denkbar. „Für uns in Baden-Württemberg ist das besonders interessant, weil unsere Straßen so stark belastet sind“, sagte Tappeser mit Blick auf reduzierte Testzeiten vor Ort. „Jede Viertelstunde, die man vermelden kann, ist sehr viel wert“, so Abteilungspräsident Stefan Heß. „Von den geretteten Menschen ganz zu schweigen“, ergänzte Tappeser.