Logo

Kriminalität

Mehr Gewalt an Kliniken

Verbale und körperliche Angriffe gegen Ärzte und Pflegepersonal nehmen zu – Wohl hohe Dunkelziffer

Erst vergangene Woche wurde in der Notaufnahme des Klinikums Ludwigsburg ein Arzt von einem Angehörigen angegriffen. Archivfoto: Holm Wolschendorf
Erst vergangene Woche wurde in der Notaufnahme des Klinikums Ludwigsburg ein Arzt von einem Angehörigen angegriffen. Foto: Holm Wolschendorf

Kreis Ludwigsburg. Über die Ermordung des Arztes Fritz von Weizsäcker in Berlin ist man auch im Kreis Ludwigsburg bestürzt. Als die Vorsitzende der Ludwigsburger Ärzteschaft, Dr. Carola Maitra, und der Geschäftsführer der Regionale Kliniken Holding (RKH), Prof. Dr. Jörg Martin, am Dienstagabend von der Tat erfuhren, waren sie gerade auf dem Weg zu einer Besprechung von Ärzteschaft und Krankenhausleitung über die zunehmende Gewalt gegenüber medizinischem Personal.

In einer Pressemitteilung weisen die beiden nun auf die zunehmende Gewalt gegen Ärzte und weitere Angehörige helfender Berufe hin. „Gewalt gegen Ärztinnen und Ärzte und häufiger noch gegen Pflegepersonal ist ein zunehmendes Problem im Krankenhaus, das leider auch in Ludwigsburg zu beobachten ist“, so Jörg Martin.

Laut dem Deutschen Ärzteblatt lässt sich aus der Kriminalstatistik für Baden-Württemberg errechnen, dass es im Zeitraum von 2013 bis 2017 einen Anstieg von Gewalttaten gegen Ärzte von 435 auf 692, bei Pflegepersonal sogar von 1725 auf 2436 Fälle gab. „Man muss davon ausgehen, dass es auch im ambulanten Bereich zu gewalttätigen Übergriffen kommt, wobei hier von einer noch höheren Dunkelziffer als in der Klinik auszugehen ist“, ergänzt Carola Maitra.

Weiter gibt das Deutsche Ärzteblatt an, dass Untersuchungen des Deutschen Krankenhausinstitutes zufolge 58 Prozent der Krankenhäuser eine Zunahme verbaler und körperlicher Übergriffe in den vergangenen fünf Jahren gemeldet haben. In 75 Prozent der befragten Krankenhäuser komme es in Notfallambulanzen zu Gewalt. Da solche Vorfälle nicht systematisch erfasst werden, gibt es für den Kreis jedoch keine konkreten Zahlen. Dem Polizeipräsidium Ludwigsburg sind für das vergangene Jahr nur 13 Fälle von Gewalt gegen Rettungskräfte bekannt.

„Es gibt ein sehr großes Spannungsfeld von Vorfällen, die von den Beteiligten subjektiv wahrgenommen werden“, erklärt Alexander Tsongas, Pressesprecher der RKH. Nicht jeder fasse etwa einen verbalen Angriff auch als solchen auf. Für Ludwigsburg könne er jedoch bestätigen, dass in der Not- und Unfallaufnahme die Gewaltbereitschaft von Patienten und Begleitpersonen zugenommen hat. Bei den bekannten Vorfällen handle es sich zu 70 Prozent um verbale und zu 30 Prozent um körperliche Angriffe, die von Bedrohung bis hin zu Schlägen reichten. Meist seien dabei Alkohol oder Drogen im Spiel.

Erst am späten Freitagabend war es in der Notaufnahme des Klinikums zu einem Angriff auf einen Arzt gekommen. Der Bruder eines eingelieferten Patienten mischte sich in die Behandlung ein und es kam zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung. Verletzt wurde dabei laut Polizei aber niemand. Im Sommer hatte ein Patient das Klinikpersonal mit einem Messer bedroht und musste von Polizisten mit gezogener Dienstwaffe zur Vernunft gebracht werden.

In Ludwigsburg wollen Ärzteschaft und Klinikleitung das Problem der zunehmenden Gewalt nun gemeinsam angehen. Bereits jetzt gibt es in den Kliniken der RKH Deeskalationstrainings und Seminare zur Gewaltprävention. Auch die Ärztekammer bietet regelmäßig Fortbildungen zum Thema an, die laut Carola Maitra regen Zuspruch finden.

Doch diese Maßnahmen reichen nicht mehr aus. Laut Jörg Martin wird derzeit geprüft, ob und in welchem Umfang Sicherheitskräfte in den besonders gefährdeten Notaufnahmen erforderlich sind. Davon verspricht man sich präventiven Schutz vor gewalttätigen Übergriffen gegenüber medizinischem Personal.

Autor: