Logo

Digitalisierung

Mit Handy auf Schlaglochsuche

Künstliche Intelligenz statt wachsamer Augen und guter Füße: Eberdingen und Kornwestheim setzen auf ein neues System, um Straßenschäden effizienter zu erfassen. Dafür gibt es nun auch Geld vom Land.

350_0900_21355_20180427_vialytics_Smartphone9.jpg
Ingenieur Patrick Glaser von vialytics bringt ein Smartphone für eine Testfahrt an. Fotos: privat
Ingenieur Patrick Glaser von vialytics bringt ein Smartphone für eine Testfahrt an. Foto: privat

Eberdingen/Kornwestheim. Auf den Eberdinger Straßen wird es im Frühjahr stellenweise nur im Schritttempo vorangehen – doch im Hintergrund geht damit alles schneller. Denn die Gemeinde schickt ein Fahrzeug mit Smartphone und spezieller Software auf Tour durch die drei Ortsteile, um so den Zustand der Fahrbahnen besser erfassen und Instandhaltungsmaßnahmen effizienter planen zu können. Mit dem Projekt eines jungen Stuttgarter Unternehmens, das in mehreren Orten umgesetzt wird, hatte sich Eberdingen beim Wettbewerb „Städte, Gemeinden, Landkreise 4.0 – Future Communities“ des Landes beworben und bekam, ebenso wie mit Kornwestheim eine zweite Kommune im Kreis Ludwigsburg, kurz vor Weihnachten die Zusage für einen Zuschuss über die Hälfte der Gesamtkosten.

Doch nicht nur wegen der knapp 12.000 Euro vom Land – in Kornwestheim sind es gut 1000 Euro mehr – ist man bei der Gemeinde überzeugt von dem Nutzen. Denn bislang werden in Eberdingen die Straßenschäden in einem „sehr langwierigen Verfahren“ erfasst, so Bürgermeister Peter Schäfer. Entweder geht ein Mitarbeiter zu Fuß los, oder es wird Straße für Straße abgefahren, angehalten, nachgeschaut. Im Frühjahr soll das dann nebenbei funktionieren – etwa wenn einer der Vollzugsbediensteten ohnehin auf dem Weg ist oder amtliche Schreiben der Gemeinde zugestellt werden müssen.

Denn an die Windschutzscheibe des Fahrzeugs wird ein eigens für diese Zwecke modifiziertes Smartphone angebracht, das über seinen Bewegungssensor Erschütterungen erfasst. Die Kamera des Telefons liefert dazu alle vier Meter Bilder des Straßenabschnitts und der GPS-Empfänger bestimmt den genauen Standort der Holperstelle. Die so gesammelten Daten wertet anschließend das Stuttgarter Start-ups vialytics mit Hilfe von sogenannter Künstlicher Intelligenz und gemäß einer allgemein gültigen Richtlinie aus und stellt es der Kommune in einem eigens entwickelten, webbasierten Geoinformationssystem visualisiert zur Verfügung.

Die Firma geht zurück auf ein Programm des Energiekonzerns EnBW. Interdisziplinäre Teams aus Mitarbeitern und externen Jungunternehmern entwickeln darin seit zwei Jahren Ideen für neue Geschäftsmodelle bis zur Marktreife und gründen Start-ups. Drei dieser Jungunternehmer waren 2017 Danilo Jovicic, Patrick Glaser und der Entwickler Achim Hoth. Und die wussten aufgrund eigener Erfahrung bei der Arbeit für eine Kommune, wie lange es dauern kann, bis Zustandsberichte über die örtlichen Straßen üblicherweise erstellt sind, so der Betriebswirt Jovicic.

Hilfe bei der Entwicklung der Systeme gab es unter anderem durch eine Kooperation mit der Stadt Ludwigsburg, wo die Handys an den Kehrmaschinen angebracht wurden, die ohnehin mindestens einmal pro Monat jede Straße abfahren. Mit der Verwaltung sei man nach wie vor im Gespräch, sagt Jovicic, denn die wolle 2019 eine größere Straßenzustandserfassung erstellen lassen, das muss aber erst noch ausgeschrieben werden.

Im Sommer 2018 startete vialytics durch, seitdem ist das System in fünf Kommunen landesweit im Einsatz – und auch schon preisgekrönt, mit dem Smart Country Startup Award des Branchenverbands Bitkom in der Kategorie „Smart-City“. Zu dieser Zeit erfuhr auch der Eberdinger Bauamtsleiter Stefan Heinrichsdorff davon und holte das Projekt in seine Kommune. Im Frühjahr, nach dem Frost, soll ein Fahrzeug samt Technik auf die Reise geschickt werden. Drei Minuten wird es pro Kilometer benötigen, also mit Tempo 20 durch die Straßen zuckeln. „Da wird es sicher die eine oder andere Lichthupe geben“, ist Peter Schäfer überzeugt. Aber dafür könnten laut seiner Schätzung alle Straßen an einem Tag erfasst werden, zuzüglich der Stellen, die später nochmals befahren werden müssen, weil zuvor Autos dort geparkt haben. Im Herbst soll es dann eine weitere Runde geben, um mögliche Veränderungen abbilden zu können.

Und auch das gehört zum Konzept von vialytics. Denn das System ist noch lange nicht völlig entwickelt. Künftig soll es auch Vorhersagen liefern, wann ein Straßenabschnitt repariert werden muss, abhängig von seinem aktuellen Zustand, und zusätzlich unter Berücksichtigung von Wetter- und Klimadaten. Wichtig werden könnten solche Prognosen unter anderem für die Planung von Umleitungsstrecken, denn die sind nach dem fraglichen Zeitraum häufig auch selbst ein Fall für eine Sanierung – was sich aber möglicherweise vermeiden ließe.

Autor: